Belastete Worte

Ethnopluralismus

Substantiv, maskulin. Kunstwort der 1970er Jahre, gebildet aus dem griechischen éthnos (Volk, Stamm) und dem lateinischen pluralis (mehrfach, vielfältig). Im Gegensatz zu Endlösung oder Umvolkung ist Ethnopluralismus keine Tarnvokabel für etwas Verschwiegenes, sondern ein theoretisches Konzept mit programmatischem Anspruch: das ideologische Herzstück der Neuen Rechten in Westeuropa.

Die Grundthese, in einem Satz: Jedes Volk gehöre an seinen angestammten Platz, jede Kultur habe ihre eigene Identität, die unbedingt zu schützen sei – und der wahre Rassismus sei nicht der, der die Verschiedenheit der Völker betone, sondern jener Universalismus, der sie einzuebnen suche. Die rhetorische Pointe ist eine Spiegelung: Was als Antirassismus auftritt – Multikulturalismus, Universalismus, Menschenrechte – wird zum eigentlichen Rassismus erklärt; was als Schutz kultureller Vielfalt firmiert – die Trennung der Völker in ihren Räumen –, zur einzig konsequenten antirassistischen Position. Die Operation ist elegant. Sie macht aus einer Forderung nach ethnischer Homogenität ein Plädoyer für globale Diversität.

Der Trick funktioniert genau so lange, wie man die Voraussetzung nicht prüft: dass Völker überhaupt klar abgrenzbare, kulturell geschlossene Einheiten seien, deren Vermischung ein Verlust wäre. Diese Voraussetzung ist nicht neutral. Sie ist die alte völkische Annahme im neuen Kostüm.

Etymologie und Vorgeschichte

Der Begriff Ethnopluralismus erscheint in den frühen 1970er Jahren. Henning Eichberg, ehemaliger NPD-naher Publizist und späterer Wortführer der westdeutschen Neuen Rechten, beanspruchte die Erstprägung für sich – datiert auf 1973. Eichberg verstand den Begriff zunächst als antikolonialistisch: als Gegenmodell zu jener westlich-kapitalistischen Entwicklungshilfe, die fremde Kulturen nach eigenem Modell umzuformen suche. Jede Kultur, so die Idee, habe ein Recht auf ihre eigene Form, ihren eigenen Weg, ihren eigenen Raum.

Diese Genealogie ist nicht zufällig. Eichberg, der politisch zwischen rechtem und linkem Pol oszillierte – er beschrieb sich später selbst als Vertreter eines „Ethnopluralismus von links“ –, suchte aktiv nach Anknüpfungspunkten an die Dekolonisierungsdebatten und die Dritte-Welt-Bewegung. Die Idee einer „Befreiung der Völker“ sollte das Vokabular der Linken umschiffen und gleichzeitig die völkische Substanz der eigenen Position bewahren.

Theoretisch ausgearbeitet wurde das Konzept jedoch im Umfeld der französischen Nouvelle Droite, insbesondere durch Alain de Benoist und seinen Theoriezirkel GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne, gegründet 1968). De Benoist verband das Konzept mit Anleihen bei Antonio Gramsci (Kulturkampf um Hegemonie), Carl Schmitt (Identität von Regierten und Regierenden), Oswald Spengler und der Konservativen Revolution. Heraus kam eine Theorie, die sich selbst als „Differenzialismus“ verstand: die Welt als Mosaik distinkter Kulturen, deren Wert gerade in ihrer Verschiedenheit liege.

Verwendung im Rechtsextremismus und in der Neuen Rechten

Ab den 1970er Jahren wurde Ethnopluralismus zum strategischen Kerngedanken der westeuropäischen Neuen Rechten. Sein Zweck war eindeutig: die ideologische Distanzierung vom historischen Nationalsozialismus bei gleichzeitiger Bewahrung der völkischen Substanz. Wer Ethnopluralismus sagt, muss nicht Rasse sagen. Wer von kultureller Identität spricht, muss nicht von Blut sprechen. Wer für Vielfalt der Völker plädiert, kann sich gegen Migration positionieren, ohne als Rassist auftreten zu müssen.

In Deutschland fand das Konzept seine wichtigsten Vertreter im Umfeld des Thule-Seminars (Pierre Krebs), in der Zeitschrift Junge Freiheit, im Institut für Staatspolitik (Götz Kubitschek, Karlheinz Weißmann) und schließlich in der Identitären Bewegung. Die Identitären haben den Ethnopluralismus zur Selbstbeschreibung gemacht: „100 % Identität – 0 % Rassismus“ lautet ihr Slogan, und diese Formel ist die Quintessenz der Operation. Rassismus, so die implizite Argumentation, sei die Behauptung einer Hierarchie zwischen Rassen; Ethnopluralismus hingegen behaupte nur deren Verschiedenheit – und sei deshalb antirassistisch.

Die strategische Funktion ist offensichtlich. Der Ethnopluralismus erlaubt es, eine ethnisch homogene Gesellschaft zu fordern, ohne dabei den Wortschatz des historischen Faschismus bemühen zu müssen. Er liefert das theoretische Gerüst für ein ganzes Bündel weiterer Vokabeln der Neuen Rechten: ethnokulturelle Identität, autochthone Bevölkerung, Großer Austausch, Remigration. All diese Begriffe operieren mit der Grundannahme des Ethnopluralismus – Völker als geschlossene Einheiten, denen ein eigener Raum gebühre.

In AfD-Reden und -Programmen ist die Vokabel selten direkt zu finden – sie ist akademisch, sperrig, nicht massentauglich. Ihre Argumentationsfigur dagegen ist allgegenwärtig. Wenn Björn Höcke von der „Selbstbehauptung des deutschen Volkes“ spricht, wenn Maximilian Krah die „Völker Europas“ gegen den „Universalismus“ verteidigt, wenn Götz Kubitschek das „Eigene“ gegen das „Fremde“ stellt – dann arbeiten alle mit dem theoretischen Instrumentarium des Ethnopluralismus. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz hat den Begriff entsprechend als ideologisches Konzept eingeordnet, das gegen Art. 1 Abs. 1 GG (Menschenwürde, Gleichheitsgrundsatz) verstößt: Die Reduktion des Menschen auf seine völkische oder ethnokulturelle Zugehörigkeit ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Kritik und Rezeption

Die wissenschaftliche Kritik des Ethnopluralismus hat mehrere Stoßrichtungen. Erstens: Die behauptete Geschlossenheit von Kulturen ist eine Fiktion. Kulturen sind historisch entstanden, durchlässig, hybrid; ihre angebliche Reinheit ist eine politische Setzung, keine empirische Beobachtung. Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba, der Soziologe Wilhelm Heitmeyer und der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn haben dies wiederholt herausgearbeitet.

Zweitens: Die antirassistische Selbstbeschreibung des Ethnopluralismus ist eine rhetorische Operation, kein argumentativer Erfolg. Die klassische Rassentheorie operierte mit Hierarchien zwischen biologisch verstandenen Gruppen; der Ethnopluralismus operiert mit der Behauptung kultureller Inkompatibilität zwischen ethnisch verstandenen Gruppen. Das Resultat – Forderung nach Trennung, Abwehr von Migration, Ausschluss des „Fremden“ – ist dasselbe. Verfassungsschutzbehörden und Forschungseinrichtungen wie das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) sprechen entsprechend von einem „Differenzialrassismus“ oder „Rassismus ohne Rassen“ (Étienne Balibar): einer Form des Rassismus, die ohne die diskreditierte Vokabel auskommt.

Drittens: Der Ethnopluralismus selbst ist in seiner Konstruktion inkonsistent. Er behauptet Toleranz nach außen (jedes Volk in seinem Raum), praktiziert aber Intoleranz nach innen (keine Vielfalt innerhalb der eigenen Grenzen). Die Pluralität wird auf die Ebene der Welt gehoben und auf der Ebene der Gesellschaft gerade abgeschafft. Henning Eichberg selbst, im Spätwerk dem Konzept skeptischer geworden, sah diese Spannung – und wich ihr bis zuletzt aus.

In der publizistischen und akademischen Öffentlichkeit gilt Ethnopluralismus heute als verdächtige Vokabel. Sie taucht in seriösen Texten fast ausschließlich in Anführungszeichen oder als analytischer Beschreibungsbegriff für rechte Ideologie auf. Wer sie affirmativ verwendet, hat sich – anders als beim ambivalenten Schicksalsgemeinschaft oder dem akademisch maskierten autochthon – bereits eindeutig im Lager der Neuen Rechten verortet.

Verwandte Begriffe

[autochthone Bevölkerung] · [ethnokulturelle Identität] · [Großer Austausch] · [Remigration] · [Umvolkung] · [Volksgemeinschaft] · [Schicksalsgemeinschaft] · [Identitäre Bewegung] · [Differenzialismus] · [Leitkultur]

Literatur

  • Balibar, Étienne / Wallerstein, Immanuel: Rasse, Klasse, Nation. Ambivalente Identitäten. Hamburg: Argument 1990.
  • Benoist, Alain de: Aufstand der Kulturen. Europäisches Manifest für das 21. Jahrhundert. Berlin: Junge Freiheit 1999.
  • Bruns, Julian / Glösel, Kathrin / Strobl, Natascha: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Münster: Unrast 2014.
  • Eichberg, Henning / Brodkorb, Mathias: Ethnopluralismus von links. Ein politisches Testament. Banzkow: Adebor 2022.
  • Kaschuba, Wolfgang: Einführung in die Europäische Ethnologie. 4. Aufl. München: Beck 2012.
  • Pfahl-Traughber, Armin: Konservative Revolution und Neue Rechte. Rechtsextremistische Intellektuelle gegen den demokratischen Verfassungsstaat. Opladen: Leske + Budrich 1998.
  • Salzborn, Samuel: Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze. 4. Aufl. Baden-Baden: Nomos 2020.
  • Strobl, Natascha: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse. Berlin: Suhrkamp 2021.
  • Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart: Klett-Cotta 2017.