Volksgemeinschaft
Substantiv, feminin. Determinativkompositum aus Volk und Gemeinschaft – zwei Wörtern, die jedes für sich bereits ideologisch beladen sind und in der Verbindung eine Wucht entfalten, die kaum ein anderer politischer Begriff der deutschen Sprache erreicht. Volk meint dabei nie nur die Summe der Staatsbürger, sondern eine als organisch, blutsmäßig, schicksalhaft gedachte Einheit. Gemeinschaft ruft – im Gegensatz zur kühlen Gesellschaft (Tönnies 1887) – Wärme, Nähe, Verbundenheit auf. Beides zusammen ergibt eine Formel, die suggeriert, was sie behauptet: dass Deutschland kein Land sein soll, in dem Menschen leben, sondern ein Körper, dem sie angehören.
Im Nationalsozialismus avancierte Volksgemeinschaft zum zentralen Selbstbeschreibungsbegriff des Regimes. Anders als Endlösung oder Sonderbehandlung war sie keine Tarnvokabel für Verbrechen, sondern eine Verheißung: die Versprechung einer klassenlosen, harmonischen, von innen befriedeten deutschen Gesellschaft. Genau diese Verheißung war die Bedingung der Möglichkeit für die Verbrechen. Wer eingeschlossen werden wollte, musste hinnehmen, dass andere ausgeschlossen wurden – mit allen Konsequenzen.
Etymologie und Vorgeschichte
Der Begriff ist älter als der Nationalsozialismus und wesentlich bürgerlicher Provenienz. Vorläufer finden sich im Vokabular der Romantik (das Volk als geistige Einheit), der konservativen Staatslehre des 19. Jahrhunderts und der Soziologie um 1900 (Tönnies‘ Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft). Eine dramatische Aufladung erfuhr Volksgemeinschaft im sogenannten „Geist von 1914″: Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs beschwor die kaiserliche Propaganda die Aufhebung innerer Klassen- und Konfessionsgegensätze in einem nationalen Schulterschluss. Wilhelm II. erklärte am 4. August 1914 mit dem berühmten Satz, er kenne „keine Parteien mehr“, nur noch Deutsche – die Geburtsstunde der modernen Volksgemeinschafts-Rhetorik.
In der Weimarer Republik wurde der Begriff strömungsübergreifend verwendet: von Liberalen, Zentrum, sogar Sozialdemokraten. Hans-Ulrich Thamer hat ihn als die „beherrschende politische Deutungsformel“ der Republik bezeichnet. Während demokratische Kräfte ihn auf eine inklusive nationale Versöhnung bezogen, verschob die völkische Rechte ihn von Beginn an in eine andere Richtung: Volksgemeinschaft meinte hier nicht die Versöhnung aller, sondern die Reinigung von allen, die nicht dazugehörten.
NS-Verwendung
Mit dem Nationalsozialismus wurde diese exklusive Lesart staatstragend. Bereits das NSDAP-Parteiprogramm von 1920 hatte den Maßstab gelegt: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist […]. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“ Damit war die Volksgemeinschaft von Anfang an antisemitisch grundiert; ihre konstitutive Operation war nicht das Einschließen, sondern das Ausschließen.
Nach 1933 entfaltete der Begriff eine doppelte Wirkung. Nach innen: als Mobilisierungsformel und soziale Verheißung. Klassenschranken sollten fallen, Aufstieg möglich werden, der Arbeiter neben dem Akademiker stehen. KdF-Reisen, „Eintopfsonntage“, die Volkswagensparkarte, Erntedankfeste am Bückeberg – all das war die soziale Choreographie einer Gemeinschaft, die ihre Mitglieder spüren lassen sollte, dass sie dazugehörten. Hans-Ulrich Wehler sprach vom „Modernitäts- und Mobilisationsappeal“ des Regimes; Götz Aly hat in Hitlers Volksstaat die materielle Basis dieser Inklusion – Plünderung der Verfolgten, Umverteilung an die „Volksgenossen“ – nachgezeichnet.
Nach außen, das heißt: gegen die Ausgeschlossenen, war Volksgemeinschaft von Beginn an Gewaltprogramm. Michael Wildt hat in Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung (2007) gezeigt, wie sich die Wirklichkeit der Gemeinschaft gerade in der antisemitischen Gewalt vor Ort konstituierte: Boykottaktionen, Pogrome, Denunziationen, der Ausschluss jüdischer Nachbarn aus Vereinen, Geschäften, Bädern. Die Volksgemeinschaft war kein passiver Zustand, sondern eine Praxis – und diese Praxis war exklusiv. „Gemeinschaftsfremde“ – Juden, „Zigeuner“, Homosexuelle, „Asoziale“, „Erbkranke“, politische Gegner – wurden sukzessive entrechtet, deportiert, ermordet.
Hier liegt die analytische Pointe der neueren Forschung (Bajohr/Wildt 2009; Kershaw 2011; Schmiechen-Ackermann 2012): Volksgemeinschaft lässt sich nicht in „Mythos“ und „Realität“ auseinanderdividieren. Sie war beides zugleich – eine soziale Verheißung, die nur funktionierte, weil sie Ausschlüsse produzierte, und eine Praxis, die in Gewalt gegen die Ausgeschlossenen ihre eigene Wirklichkeit erst herstellte. Ian Kershaw hat den Begriff entsprechend als „begriffliches Instrument“ empfohlen, um zu verstehen, wie gewöhnliche Deutsche zur Billigung der Judenverfolgung gelangten.
Victor Klemperer registrierte schon 1933 die rituelle Inflation: Volk werde „jetzt beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie Salz beim Essen“. Das Präfix volks- verband sich mit allem: Volksgenosse, Volkswagen, Volksempfänger, Volksschädling, volksnah, volksfremd. Die Vokabel sortierte die Welt in Zugehörige und Auszuschließende – und zwar im selben Atemzug.
Rezeption nach 1945
Anders als die meisten NS-Kernbegriffe verschwand Volksgemeinschaft nach 1945 weitgehend aus dem öffentlichen Sprachgebrauch der Bundesrepublik. Klemperer hatte sie als Paradebeispiel der LTI markiert, das Wörterbuch des Unmenschen zementierte den Befund. Die junge Bundesrepublik bevorzugte Gesellschaft, Bevölkerung, Bürgerinnen und Bürger – Begriffe ohne organizistischen Beiklang. In der DDR übernahm das Volk eine andere, sozialistisch grundierte Karriere; Volksgemeinschaft selbst blieb auch dort suspekt.
In der Geschichtswissenschaft wurde der Begriff seit den 1990er Jahren neu diskutiert – nicht als unkritisch übernommene Selbstbeschreibung des Regimes, sondern als analytische Kategorie zur Untersuchung der NS-Gesellschaft. Das Niedersächsische Forschungskolleg „Nationalsozialistische ‚Volksgemeinschaft‘?“ (ab 2010) und die Arbeiten Wildts, Bajohrs, Schmiechen-Ackermanns markieren diese Forschungswende. Konsens ist heute: Die Volksgemeinschaft war weder bloßer Propagandamythos noch erreichte soziale Realität, sondern ein wirkungsmächtiges Projekt mit realen Effekten – Inklusion durch Exklusion.
Im politischen Diskurs der Gegenwart taucht der Begriff seit einigen Jahren wieder auf, vorsichtig dosiert von der Neuen Rechten. Björn Höcke hat Volksgemeinschaft in mehreren Reden affirmativ verwendet; einschlägige Publikationen aus dem Umfeld des Instituts für Staatspolitik und der Jungen Freiheit arbeiten mit semantischen Anleihen. Häufiger sind Ersatzformeln, die dieselbe Vorstellung in zeitgemäßerem Gewand transportieren – ethnokulturelle Identität, Schicksalsgemeinschaft, autochthone Bevölkerung. Die Grundoperation bleibt: Eine als organisch und vorpolitisch gedachte Einheit wird gegen jene konstruiert, die nicht dazugehören sollen. Wer in diesen Zusammenhängen Volksgemeinschaft sagt, sagt nicht das Gleiche wie Friedrich Ebert 1919. Er sagt, woher er kommt.
Verwandte Begriffe
[Volksgenosse] · [Gemeinschaftsfremde] · [Umvolkung] · [Endlösung] · [Lebensraum] · [Blut und Boden] · [Volkstum] · [Schicksalsgemeinschaft] · [Überfremdung] · [autochthone Bevölkerung]
Literatur
- Bajohr, Frank / Wildt, Michael (Hrsg.): Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus. Frankfurt a. M.: Fischer 2009.
- Bruendel, Steffen: Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914″ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Berlin: Akademie 2003.
- Frei, Norbert: „Volksgemeinschaft“. Erfahrungsgeschichte und Lebenswirklichkeit der Hitler-Zeit, in: Ders.: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. München: Beck 2005.
- Kershaw, Ian: „Volksgemeinschaft“. Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), H. 1, S. 1–17.
- Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam (zuerst 1947).
- Schmiechen-Ackermann, Detlef (Hrsg.): „Volksgemeinschaft“: Mythos, wirkungsmächtige soziale Verheißung oder soziale Realität im „Dritten Reich“? Zwischenbilanz einer kontroversen Debatte. Paderborn: Schöningh 2012.
- Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. 2., durchges. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter 2007, Art. „Volksgemeinschaft“.
- Wildt, Michael: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939. Hamburg: Hamburger Edition 2007.
- Wildt, Michael: Volksgemeinschaft, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 3. Juni 2014.