Belastete Worte

autochthone Bevölkerung

Substantivische Fügung. Das Adjektiv autochthon stammt aus dem Altgriechischen (αὐτόχθων, autóchthōn) und setzt sich zusammen aus autós (selbst) und chthṓn (Erde, Boden). Wörtlich übersetzt: „aus der Erde selbst entsprungen“, „eingeboren“, „bodenständig“. Eine autochthone Bevölkerung wäre demnach eine, die seit jeher am Ort lebt, dort wurzelt, von ihm selbst hervorgebracht wurde – im Gegensatz zur allochthonen (zugewanderten) Bevölkerung.

Der Begriff wirkt akademisch, neutral, fast technisch. Genau das ist seine Funktion. Wer autochthone Bevölkerung sagt, klingt nicht wie ein Propagandist, sondern wie ein Demograph. Im rechten Diskurs der Gegenwart hat sich die Vokabel deshalb als bevorzugtes Substitut für Volk, Volksgemeinschaft oder deutsche Stammbevölkerung etabliert: Sie behauptet eine seit jeher hier ansässige, im Boden verwurzelte Bevölkerung, gegen die Migration als Bedrohung konstruiert werden kann – ohne dass das Wort Rasse oder Blut fallen muss.

Die Operation ist die gleiche wie bei Schicksalsgemeinschaft: Ein Begriff, der in präzisem Fachgebrauch unproblematisch ist, wird in eine politische Verschwörungserzählung eingespannt und verleiht ihr den Anschein wissenschaftlicher Sachlichkeit.

Etymologie und Vorgeschichte

Das Adjektiv autochthon findet sich seit der Antike: Bereits in der griechischen Mythographie und Geschichtsschreibung (Herodot, Thukydides) bezeichneten sich die Athener als autochthónes – aus der attischen Erde selbst gewachsen, im Unterschied zu eingewanderten Stämmen. Der Begriff hatte damit von Beginn an eine politische Funktion: Er begründete einen Anspruch auf das Land durch Herkunft.

In den europäischen Wissenschaftssprachen etablierte sich autochthon seit dem 18. Jahrhundert in mehreren Disziplinen: in der Geologie (autochthone Gesteinsformationen entstehen am Fundort, allochthone werden hertransportiert), in der Botanik und Zoologie (einheimische Arten), später in der Ethnologie und Bevölkerungsstatistik. In der niederländischen Soziologie unterscheidet man bis heute administrativ zwischen autochtonen und allochtonen; in der Migrationsforschung dient die Begriffspaarung der Beschreibung von Bevölkerungsanteilen mit oder ohne Migrationshintergrund.

In dieser Verwendung ist der Begriff deskriptiv und politisch unverdächtig. Problematisch wird er, sobald aus der zeitlichen Bestimmung („seit längerem hier ansässig“) eine ontologische wird: Wer wirklich autochthon ist, ist es kraft Wesens und Boden – und wer es nicht ist, kann es nie werden. Genau diese Verschiebung leistet der politische Gebrauch.

Verwendung im Rechtsextremismus und in der Neuen Rechten

Anders als Endlösung, Umvolkung oder Volksgemeinschaft hat autochthone Bevölkerung keine prominente NS-Geschichte. Der Begriff war im NS-Vokabular nicht zentral; die Nationalsozialisten bevorzugten die direkteren Formeln deutsches Volk, Volksgenosse, deutschstämmig. Die Karriere als Schlagwort der extremen Rechten beginnt nach 1945 – und sie ist eine Erfolgsgeschichte der semantischen Tarnung.

Erste Konjunktur erlebte der Begriff in den 1950er Jahren in neonazistischen und „revisionistischen“ Kreisen Westeuropas. Der ehemalige Waffen-SS-Angehörige René Binet beschwor in Frankreich die These, die Siegermächte schickten gezielt Nichteuropäer nach Europa, um die autochthone Bevölkerung zu ersetzen – die Urform der Verschwörungserzählung, die später als Großer Austausch bekannt werden sollte. Über die französische Nouvelle Droite (Alain de Benoist, GRECE), das Ethnopluralismus-Konzept Henning Eichbergs und die Schriften Guillaume Fayes wanderte der Begriff in den deutschsprachigen Diskurs ein.

Mit dem Aufstieg der Identitären Bewegung seit 2012 und der Rezeption Renaud Camus‘ (Le Grand Remplacement, 2011) wurde autochthone Bevölkerung zur Standardvokabel der Neuen Rechten. Auf Webseiten der Identitären, in Schriften aus dem Verlag Antaios (Götz Kubitschek), in der Jungen Freiheit und im Magazin Compact erscheint die Formel als feststehender Terminus für das, was Volk heißen soll, ohne so heißen zu müssen. Martin Sellner sprach wiederholt vom drohenden Geburtenrückgang der autochthonen Bevölkerung gegenüber zuwandernden Gruppen mit „völlig anderer Vitalität und Dynamik“.

In AfD-Reden hat die Vokabel eine zweite Heimat gefunden. Sie eignet sich besonders für jenen Diskursbereich, in dem die Partei sich noch verfassungskonform geben möchte: Wer von autochthoner Bevölkerung spricht, sagt nicht Rasse, nicht Volkstod, nicht Umvolkung – aber er meint dasselbe Bezugssystem. Die rhetorische Kosten-Nutzen-Rechnung ist hier präzise: maximale ideologische Anschlussfähigkeit bei minimaler strafrechtlicher und diskursiver Angreifbarkeit.

Die Verschwörungserzählung, in deren Zentrum der Begriff steht, ist gut dokumentiert: Eine geheime, oft antisemitisch codierte Elite plane den gezielten Austausch der autochthonen Europäer gegen muslimische und afrikanische Migrantinnen und Migranten. Das Manifest des Christchurch-Attentäters (2019), die Selbstinszenierung des Halle-Attentäters (2019) und das Tatschreiben des Hanau-Attentäters (2020) operieren explizit mit dieser Figur. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt entsprechende Erzählungen als Bestandteil rechtsextremistischer Ideologie; das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz verweist ausdrücklich darauf, dass der auf Ethnopluralismus und autochthoner Bevölkerung basierende Volksbegriff verfassungsfeindlich sei, weil er gegen Art. 1 Abs. 1 GG verstößt.

Rezeption und Kritik

In der wissenschaftlichen Migrationsforschung wird der Begriff bis heute verwendet, allerdings zunehmend mit Reserve. Kritisiert wird, dass die Unterscheidung zwischen autochthoner und allochthoner Bevölkerung – etwa in der niederländischen Statistik – Migrationshintergrund über Generationen festschreibt und damit jene Grenzziehungen reproduziert, die die Forschung eigentlich beschreiben will. In den Niederlanden hat das Centraal Bureau voor de Statistiek 2016 begonnen, von der Begriffspaarung autochtoon/allochtoon abzurücken.

Die Verwendung im rechten Diskurs hat den Begriff zusätzlich kontaminiert. In der publizistischen Sprache der Bundesrepublik gilt autochthone Bevölkerung heute als verdächtige Vokabel: Sie taucht selten ohne Anführungszeichen, nie ohne Kontextprüfung auf. Sprachkritisch gesprochen ist autochthon damit eine jener Vokabeln, deren Akademismus zur Tarnung wird – ein Wort, das gerade durch seine wissenschaftliche Anmutung politisch nützlich ist.

Die Pointe lautet: Wer von einer autochthonen Bevölkerung spricht, behauptet implizit drei Dinge zugleich. Erstens, dass es eine solche überhaupt gibt – also eine ethnisch, kulturell oder genealogisch klar abgrenzbare Gruppe seit jeher Ansässiger. Zweitens, dass diese Gruppe einen privilegierten Anspruch auf das Territorium hat. Drittens, dass dieser Anspruch durch Migration bedroht ist. Alle drei Annahmen sind voraussetzungsreich, keine ist neutral. Die Vokabel verbirgt diese Voraussetzungen – und das ist nicht ihre Schwäche, sondern ihr Zweck.

Verwandte Begriffe

[Volksgemeinschaft] · [Schicksalsgemeinschaft] · [Umvolkung] · [Großer Austausch] · [Bevölkerungsaustausch] · [Remigration] · [Ethnopluralismus] · [ethnokulturelle Identität] · [Volkstod] · [Überfremdung] · [Leitkultur]

Literatur

  • Bruns, Julian / Glösel, Kathrin / Strobl, Natascha: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Münster: Unrast 2014.
  • Camus, Renaud: Le Grand Remplacement. Neuilly-sur-Seine: David Reinharc 2011 (dt. Revolte gegen den Großen Austausch. Schnellroda: Antaios 2016).
  • Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. München: Beck 2007.
  • Goetz, Judith / Sedlacek, Joseph M. / Winkler, Alexander (Hrsg.): Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ‚Identitären‘. Hamburg: Marta Press 2017.
  • Salzborn, Samuel: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. Weinheim/Basel: Beltz Juventa 2018.
  • Speit, Andreas: Reichsbürger. Die unterschätzte Gefahr. Berlin: Ch. Links 2017.
  • Strobl, Natascha: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse. Berlin: Suhrkamp 2021.
  • Wildt, Michael: Volk, Volksgemeinschaft, AfD. Hamburg: Hamburger Edition 2017.