Belastete Worte

Schicksalsgemeinschaft

Substantiv, feminin. Determinativkompositum aus Schicksal und Gemeinschaft. Anders als Volksgemeinschaft kommt das Wort zunächst harmlos daher: Es beschreibt zuerst etwas Beschreibbares – eine Gruppe, die durch äußere Umstände unfreiwillig miteinander verkoppelt ist. Schiffbrüchige im Rettungsboot. Geiseln im selben Raum. Ehepaare im Sinne des Schweizer Zivilrechts. In dieser Verwendung ist Schicksalsgemeinschaft deskriptiv und politisch unverdächtig.

Politisch wird der Begriff in dem Moment, in dem das Schicksal nicht mehr eine Lage bezeichnet, sondern eine Wesensbestimmung: nicht das, was Menschen widerfährt, sondern das, was sie sind. Genau hier setzt die völkische Karriere des Begriffs ein. Wer von einer Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes spricht, behauptet eine Verbindung jenseits aller individuellen Wahl – nicht durch Vertrag, nicht durch Verfassung, nicht durch Zustimmung, sondern durch ein vorpolitisches, schicksalhaftes Band, das sich der politischen Verhandlung entzieht.

Die Pointe des Wortes: Was Schicksal ist, kann man nicht hinterfragen. Wer dazugehört, gehört dazu. Wer nicht dazugehört, kann nicht hinzustoßen. Der Begriff schließt qua Definition das aus, worum es in der Demokratie geht: die Möglichkeit, durch Beitritt, Aushandlung und Bekenntnis Teil einer politischen Gemeinschaft zu werden.

Etymologie und Vorgeschichte

Das Kompositum lässt sich ab dem 19. Jahrhundert nachweisen, zunächst in zwei Bedeutungen: einerseits in der erwähnten deskriptiven Variante (gemeinsame Notlage), andererseits als geistesgeschichtliche Formel für die Idee, dass ein Volk durch gemeinsame historische Erfahrungen geprägt sei. Beide Linien koexistieren bis heute.

Eine demokratische Aufladung erfuhr der Begriff im Schweizer Kontext: Der Dichter Carl Spitteler beschwor 1914 in seiner Rede „Unser Schweizer Standpunkt“ die Eidgenossenschaft als Schicksalsgemeinschaft trotz sprachlicher und konfessioneller Vielfalt – ausdrücklich gegen biologische Bestimmung. Hier wurde die Schicksalsgemeinschaft zur Willensnation: ein Bund von Verschiedenen, die sich entschieden haben, zusammen zu sein.

Im deutschen Sprachraum dominierte schon vor 1933 die andere Lesart. In der Weimarer Republik gehörte Schicksalsgemeinschaft zum festen Bestand der nationalen Rhetorik – ähnlich wie Volksgemeinschaft parteiübergreifend verwendet, von Liberalen bis zu Sozialdemokraten. Karl Renner, der erste Staatskanzler Deutschösterreichs, sprach am 12. November 1918 im Wiener Parlament den Satz, der die österreichische Anschluss-Sehnsucht an Deutschland in eine Formel goss: „Wir sind ein Stamm und eine Schicksalsgemeinschaft.“ Der Satz war nicht nationalsozialistisch gemeint, aber er lieferte die semantische Vorlage.

NS-Verwendung

Im Nationalsozialismus wurde Schicksalsgemeinschaft zu einem Schlüsselwort der völkischen Selbstbeschreibung. Cornelia Schmitz-Berning verzeichnet das Wort als geläufige NS-Vokabel; in Reden, Erlassen, kirchlichen Loyalitätsadressen und Propagandatexten erschien es regelmäßig, oft in der Verstärkungsformel Blut- und Schicksalsgemeinschaft. Diese Junktur zeigt die ideologische Operation: Das Schicksal wird ins Blut verlegt, also rassisch fundiert. Nicht gemeinsame Erfahrung verbindet, sondern gemeinsame Abstammung. Schicksal ist hier kein Zufall, sondern Genetik.

Charakteristisch sind Formeln wie: „Wir sind durch Gottes Schöpfung hineingestellt in die Blut- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes“ – mit der die katholische Kirchenführung 1933 ihre Loyalität zum Regime bekundete. Die Formel leistete dabei mehrerlei zugleich: Sie verklärte den Nationalismus zur metaphysischen Bestimmung, verband Theologie mit Rassenlehre und entzog die Zugehörigkeit jeder politischen Diskussion. Wer in einer Schicksalsgemeinschaft steht, kann nicht aussteigen – und wer nicht hineingehört, kann nicht hineinkommen. Genau das war der Punkt.

Im Krieg verschob sich der Akzent. Aus der ontologischen Schicksalsgemeinschaft wurde zunehmend eine Kampfgemeinschaft: Goebbels‘ Sportpalastrede vom Februar 1943 arbeitete intensiv mit der Vorstellung, das deutsche Volk sei durch das Kriegsschicksal zusammengeschmiedet, ein Aussteigen unmöglich, ein Sieg alternativlos. Schicksalsgemeinschaft meinte jetzt: Wir sitzen alle in einem Boot, das wir gemeinsam zum Sieg rudern – oder gemeinsam untergehen. Die Formel diente der Bindung der „Volksgenossen“ an ein Regime, dessen militärische Lage längst aussichtslos war. Wer dem Schicksal entrinnen wollte, wurde zum Verräter.

Das Wort gehört damit zur Familie jener Begriffe, die Klemperer in der LTI als Vokabular eines „glaubens“-religiös aufgeladenen Politikverständnisses analysierte – neben Volksgemeinschaft, Blut, Bewegung, ewig. Es entwertet das Politische, indem es das Vorpolitische überhöht.

Rezeption nach 1945

Anders als Endlösung oder Umvolkung trat Schicksalsgemeinschaft nach 1945 keinen sauberen Rückzug an – im Gegenteil. Der Begriff hatte gerade dadurch, dass er nicht ausschließlich nationalsozialistisch besetzt war, eine Brücke in die Nachkriegsdemokratien.

In Österreich wurde er 1945 unmittelbar republikanisch umcodiert. Karl Renner und der österreichische Widerstand sprachen von einer österreichischen Schicksalsgemeinschaft, die – wie es Alfred Klaar formulierte – „den sozialistischen Arbeiter mit dem katholischen Bauern und Kleinbürger“ verband. Die Vokabel diente nun der nationalen Selbstbehauptung gegen Deutschland und wurde Teil der österreichischen Opfertheseerzählung.

In der Bundesrepublik blieb das Wort im politischen Vokabular präsent, wenngleich mit charakteristischer Vorsicht. CDU-Politiker Volker Kauder forderte 2006 nach dem Berliner Integrationsgipfel, wer Deutscher werden wolle, müsse sich „zur deutschen Schicksalsgemeinschaft und damit zur deutschen Geschichte bekennen“. Die Formulierung erntete Kritik; das Bekenntnis zur Geschichte ist demokratisch, die Schicksalsgemeinschaft aber transportiert die alte Vorstellung des nicht-wählbaren Bandes. Angela Merkel bezeichnete in der Eurokrise wiederholt die Währungsunion als Schicksalsgemeinschaft – hier diente die Vokabel der Beschwörung von Alternativlosigkeit und gegenseitiger Haftung.

Im Vokabular der Neuen Rechten erfährt der Begriff seit den 2000er Jahren eine bewusste Wiederbelebung. Anders als Umvolkung trägt Schicksalsgemeinschaft keinen historisch verbrannten Klang; sie eignet sich daher als Substitut für das, was Volksgemeinschaft nicht mehr offen sagen darf. In Schriften aus dem Umfeld des Instituts für Staatspolitik, in der Jungen Freiheit und in AfD-Reden zur Migrationspolitik dient Schicksalsgemeinschaft der Behauptung einer ethnokulturellen Substanz, die Migrantinnen und Migranten qua Definition nicht teilen können. Die Operation entspricht genau jener Funktion, die der Begriff in der NS-Zeit hatte: Sie verlegt Zugehörigkeit aus dem Bereich der Politik in den Bereich des Vorpolitischen.

Sprachkritisch bleibt damit festzuhalten: Schicksalsgemeinschaft ist kein eindeutig kontaminierter Begriff. Im präzisen, deskriptiven Gebrauch (Geiseln, Bergleute, Eheleute) ist er unproblematisch. Politisch wird er heikel, sobald er auf Kollektive angewendet wird, die als ethnisch oder kulturell homogen imaginiert werden sollen. Die Frage lautet immer: Wer wird durch das Schicksal zusammengebunden – und wer wird durch dieselbe Operation ausgeschlossen?

Verwandte Begriffe

[Volksgemeinschaft] · [Volksgenosse] · [Blut und Boden] · [Umvolkung] · [Volkstum] · [autochthone Bevölkerung] · [ethnokulturelle Identität] · [Willensnation] · [Leitkultur]

Literatur

  • Götz, Norbert: Ungleiche Geschwister. Die Konstruktion von nationalsozialistischer Volksgemeinschaft und schwedischem Volksheim. Baden-Baden: Nomos 2001.
  • Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam (zuerst 1947).
  • Pérennec, René: Philologie, histoire culturelle et lexicologie bilingue. Deux études de cas: „ausländische Mitbürger“, „Schicksalsgemeinschaft“ / „communauté de destin“, in: Revue germanique internationale 10 (1998).
  • Rauscher, Walter: Karl Renner. Ein österreichischer Mythos. Wien: Ueberreuter 1995.
  • Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. 2., durchges. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter 2007, Art. „Schicksalsgemeinschaft“ / „Blut- und Schicksalsgemeinschaft“.
  • Sternberger, Dolf / Storz, Gerhard / Süskind, Wilhelm Emanuel: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg: Claassen 1957.
  • Wildt, Michael: Volk, Volksgemeinschaft, AfD. Hamburg: Hamburger Edition 2017.