Belastete Worte

Umvolkung

Substantiv, feminin. Wortbildung aus dem Präfix um- (im Sinne von „in einen anderen Zustand überführen“, vgl. umbauen, umerziehen, umformen) und Volk. Das Resultat klingt nach einem technischen Vorgang: Etwas wird verlagert, ausgetauscht, in andere Form gebracht. Genau das ist die Pointe. Umvolkung setzt voraus, was es behaupten will – nämlich dass Volk eine biologisch fixierbare Größe sei, die man mengenmäßig bilanzieren, planen und manipulieren könne. Wer das Wort benutzt, hat die Voraussetzung schon mitgeliefert.

Im Nationalsozialismus bezeichnete der Begriff zwei Operationen der Volkstumspolitik: die zwangsweise „Eindeutschung“ fremdvölkischer Bevölkerungsteile und – komplementär dazu – die Vertreibung jener, die sich der Eindeutschung nicht eigneten. Heute fungiert Umvolkung als Schlagwort der Neuen Rechten, das eine angebliche Auswechslung der „autochthonen“ Bevölkerung Europas durch Migration unterstellt. Ein Wort mit zwei Karrieren – beide völkisch.

Etymologie und Vorgeschichte

Wortgeschichtlich greifbar wird Umvolkung in der Weimarer Republik. Im Umfeld der „Volkstumsforschung“, einer politisch hochaufgeladenen pseudowissenschaftlichen Disziplin der 1920er Jahre, entstand der Begriff zur Beschreibung jener Prozesse, durch die deutschsprachige Minderheiten im Ausland angeblich ihre nationale Identität verloren – „umgevolkt“ wurden, also etwa polonisiert oder magyarisiert. Die Volkstumsforscher rund um die Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung verstanden Umvolkung zunächst als zu bekämpfendes Phänomen: Der deutsche Volkskörper, so die Vorstellung, leide an Substanzverlust durch Assimilation.

Schon hier ist die ideologische Grundausstattung komplett: Volk als organische Einheit, Mehrsprachigkeit als Krankheit, Assimilation als Verlust. Die Nationalsozialisten erbten diesen Bestand und kehrten die Stoßrichtung um.

NS-Verwendung

Im NS-Staat wurde Umvolkung zum aktiven Programm. Was in Weimar als Bedrohung beschrieben war, wurde nun als Werkzeug eingesetzt. Heinrich Himmler verwendete den Begriff prominent im Generalplan Ost vom April 1942, der die rassistische Neuordnung Osteuropas vorsah. „Umvolkung“ meinte in dieser Logik zweierlei – beides verbrecherisch:

Erstens die zwangsweise „Eindeutschung“ jener Bevölkerungsteile, die nach den rassistischen Kriterien der SS als „eindeutschungsfähig“ galten. Kinder wurden ihren Familien entrissen, in „Lebensborn“-Heimen oder bei deutschen Pflegefamilien untergebracht, ihre Namen geändert, ihre Sprache ausgetrieben. Polen, Tschechen, Slowenen, Ukrainer waren Hauptbetroffene.

Zweitens die spiegelbildliche Operation: die Vertreibung, Versklavung und – im Generalplan Ost ausdrücklich kalkuliert – Ermordung jener, die als „nicht eindeutschungsfähig“ eingestuft wurden. Allein in den eingegliederten polnischen Gebieten (Reichsgaue Wartheland und Danzig-Westpreußen) sollten Millionen Menschen ins „Generalgouvernement“ abgeschoben oder ermordet werden, um Platz für „Volksdeutsche“ zu schaffen. Konkrete Großoperationen – die Aktion Zamość, die Ansiedlung von „Volksdeutschen“ in Hegewald bei Schytomyr nach Vertreibung von 15 000 Ukrainern – machten aus der Vokabel buchstäbliche Politik.

Umvolkung gehörte damit zum engeren Sprachfeld jener NS-Termini, die rassische Gewalt in Verwaltungsdeutsch übersetzten: neben Sonderbehandlung, Aussiedlung, Evakuierung, Endlösung steht das Wort für die bürokratische Überführung von Massenmord und Vertreibung in Aktenform. Victor Klemperer registrierte den Begriff früh als Bestandteil der Lingua Tertii Imperii; über das Wörterbuch des Unmenschen (Sternberger / Storz / Süskind, 1957) wurde er als Tätersprache dokumentiert.

Rezeption nach 1945

Anders als Endlösung oder Sonderbehandlung verschwand Umvolkung nach 1945 nicht aus dem Wortschatz – es zog um. In rechtsextremen, später neurechten Milieus blieb der Begriff präsent, zunächst als Insider-Vokabular, ab den 1990er Jahren mit wachsender öffentlicher Sichtbarkeit. In Österreich versuchte die FPÖ wiederholt, das Wort als „wissenschaftlichen Begriff“ zu rehabilitieren – Jörg Haider tat dies in den 1990er Jahren explizit. In Deutschland nutzten NPD und einschlägige Publizistik den Begriff durchgängig; der frühere Junge-Freiheit-Autorenkreis und das Umfeld des Instituts für Staatspolitik machten ihn diskursfähig in der bürgerlichen Rechten.

Mit dem Aufstieg der AfD seit 2013 erreichte Umvolkung erneut die parlamentarische Bühne. Björn Höcke nutzte den Begriff mehrfach öffentlich; Alexander Gauland, Andreas Kalbitz und andere bedienten ihn in Variationen. Parallel etablierten sich Ersatz- und Begleitformeln, die dieselbe Verschwörungserzählung in modernerem Gewand transportieren: Großer Austausch (zurückgehend auf Renaud Camus, 2011), Bevölkerungsaustausch, neuerdings auch Remigration (das Wort des Jahres 2023 der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ – für die Verwendung als Unwort).

Allen Varianten gemeinsam ist die verschwörungstheoretische Grundfigur: Eine nicht näher benannte Elite – häufig codiert antisemitisch – plane die gezielte Auswechslung der „autochthonen“ Bevölkerung durch Migrantinnen und Migranten. Der Begriff ist damit ideologisch nicht harmlos zu trennen von der Tat: Die Attentäter von Christchurch (2019), El Paso (2019) und Halle (2019) bezogen sich in ihren Manifesten ausdrücklich auf das Großer-Austausch-Narrativ. Das Bundesamt für Verfassungsschutz führt entsprechende Erzählungen als Bestandteil rechtsextremistischer Ideologie.

Wissenschaftlich und publizistisch gilt: Umvolkung ist kein neutraler Beschreibungsbegriff für demografische Veränderungen, sondern eine Tarnvokabel mit eindeutiger Provenienz. Wer ihn unmarkiert verwendet, hat sich – bewusst oder unbewusst – im Sprachreservoir der völkischen Rechten bedient.

Verwandte Begriffe

[Großer Austausch] · [Bevölkerungsaustausch] · [Remigration] · [Endlösung] · [Sonderbehandlung] · [Lebensraum] · [Volkstum] · [Generalplan Ost] · [Überfremdung]

Literatur

  • Brandes, Detlef: „Umvolkung, Umsiedlung, rassische Bestandsaufnahme“. NS-„Volkstumspolitik“ in den böhmischen Ländern. München: Oldenbourg 2012 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, Bd. 125).
  • Camus, Renaud: Le Grand Remplacement. Neuilly-sur-Seine: David Reinharc 2011.
  • Heinemann, Isabel: „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas. Göttingen: Wallstein 2003.
  • Klemperer, Viktor: LTI. Notizbuch eines Philologen. Leipzig: Reclam (zuerst 1947).
  • Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. 2., durchges. Aufl. Berlin/New York: de Gruyter 2007, Art. „Umvolkung“.
  • Sternberger, Dolf / Storz, Gerhard / Süskind, Wilhelm Emanuel: Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Hamburg: Claassen 1957.
  • Wildt, Michael: Volk, Volksgemeinschaft, AfD. Hamburg: Hamburger Edition 2017.