Wer sich durch die Prager Bierszene trinkt, lernt früh eine bittere Wahrheit: „bitter“ ist hier oft nur ein höfliches Codewort für die fünfzigste Schattierung von Malzsüße. Die Suche nach echtem Hopfen gleicht einer Sisyphusarbeit zwischen kopfsteingepflasterten Touristenfallen und ewig gleichem hellem Lager. Gerettet hat mich das Craft House Prague. Der erste Schluck Lollihop war keine Erfrischung, sondern ein Schlag ins Gesicht der tschechischen Brautradition. Im besten Sinne.
Gebraut wird das Ganze nordöstlich der Stadt, in Vysočany, wo früher Stahl gebogen wurde. Die Sibeeria Brewery, 2014 gegründet, hat sich auf dem alten ČKD-Industrieareal eingerichtet. Dort, wo einst Panzer, Straßenbahnen und Motorräder vom Band liefen, stehen heute Edelstahltanks zwischen dem Rost der alten Ära. Im Januar 2017 braute man hier das Lollihop, das erste moderne West Coast IPA tschechischer Machart. Seitdem ist es das Flaggschiff geblieben, durch alle Moden hindurch.
Und warum gerade dieses Bier? Weil es die Antithese zur tschechischen Bequemlichkeit ist. Wo viele hiesige IPAs unter schwerem Karamellmalz ersticken, ist das Lollihop von geradezu technischer Schlankheit. Pilsner-, Pale-Ale- und Weizenmalz, kein Karamell, keine wässrigen Ausreden. 6,6 Prozent, 75 Bittereinheiten, eine staubtrockene Struktur, die dem Hopfen eine Bühne baut. Citra und Mosaic liefern dabei mehr als das übliche Einmaleins aus Grapefruit und Pinienharz: Walderdbeere, Zuckermelone, ein Hauch Weißwein tänzeln über der Mandarine. Die feine Perlung federt die Bittere ab, das Mundgefühl ist überraschend cremig.
In einer Zeit, in der uns trübe „Juice Bombs“ wie flüssiges Obstpüree serviert werden, wirkt diese Trockenheit fast rebellisch. Für mich ist das Lollihop der einzige verlässliche Anker und der Grund, warum ich in Vysočany zum Wiederholungstäter wurde. Wer in Prag echtes Handwerk sucht und nicht das hundertste Standardlager: Ausschau halten nach der bunten Dose. Man sieht sich an der Bar.