Ich wollte Schuhe kaufen. Leichte, für den Frühling. Nichts Aufregendes, kein Statement, keine Uniform für die Selbstinszenierung — einfach Schuhe. Hineingehen, anprobieren, hinauslaufen. Der Verkäufer mit Schuhanzieher, das Zwischenpapier im Karton, der höfliche Blick auf den Spann. So war das vorgesehen.
Das Problem: Die Geschäfte sind weg. Nicht eines, nicht zwei. Reihenweise. Wo ich früher hineingegangen wäre, klebt jetzt Packpapier an der Scheibe, oder es ist ein Späti, oder ein Nagelstudio, oder, am schlimmsten: nichts, gar nichts, nur diese spezifische Leere des aufgegebenen Ladengeschäfts.
Seit 1998 sinkt die Zahl der Schuheinzelhandelsunternehmen kontinuierlich. 2023 waren es noch rund 2.725 steuerpflichtige Betriebe, gegenüber 4.771 im Jahr 2016. Eine Halbierung in sieben Jahren. Was bleibt, ist Deichmann. 1.153 Filialen. Aber Deichmann, ehrlich gesagt, ist für mich kein Schuhgeschäft. Deichmann ist eine Lagerhalle mit Pappschachteln, in der man Erwachsene dabei beobachten kann, wie sie auf einem fleckigen Teppich Sneaker für 19,90 anprobieren. Kein Anzieher. Kein Spann. Kein Papier. Nichts.
Die Alternative wäre das Internet. Drei Größen bestellen, zwei zurückschicken, eine behalten, die nicht passt. Zalando-Karton im Treppenhaus, Retourenetikett, das ewige Schuldgefühl, dass irgendwo in Brandenburg ein Mensch im Akkord meine Pakete sortiert. Ich weigere mich. Es ist eine kleine, vielleicht alberne Weigerung, aber ich weigere mich.
Und dann fällt mir der Sketch ein. 2001 in der FAZ, dann auf der Bühne der Harald-Schmidt-Show: Stuckrad-Barre interviewt Claus Peymann, der sich beim Herrenausstatter Selbach am Kurfürstendamm keine Hose kauft, dafür ein T-Shirt für 180 Mark, geliehen vom Autor. Ein wunderbares Stück, weil es noch in einer Welt spielt, in der man Hosen in einem Geschäft anprobierte, sich darüber stritt, sich darüber lustig machte. Eine Welt, in der so ein Sketch überhaupt einen Schauplatz hatte. Wikipedia
Den Schauplatz gibt es nicht mehr. Selbach am Ku’damm hat schon vor Jahren geschlossen. Peymann ist tot, Schmidt sendet längst nicht mehr, und Stuckrad-Barre schreibt jetzt Bücher über die Wiederentdeckung des Schreibens. Tagesspiegel
Vielleicht muss man irgendwann ein Dramolett darüber schreiben, wie jemand keine Schuhe kauft, weil es nirgendwo mehr Schuhe gibt. Aber wo soll es spielen. Bei Deichmann?