Belastete Worte

Evakuierung

Die Evakuierung (auch: Evakuation) bezeichnet im neutralen Sprachgebrauch das angeordnete Verbringen von Menschen aus einem gefährdeten Gebiet an einen sicheren Ort – etwa bei Bränden, Bombenfunden, Naturkatastrophen oder kriegerischen Bedrohungen. Behördlich angeordnete Evakuierungen sind in Deutschland für die Betroffenen verpflichtend.

Etymologie

Das Verb evakuieren ist über das französische évacuer aus dem lateinischen evacuare entlehnt – „leeren, leer machen“, zusammengesetzt aus der Präposition e-, ex- („aus-„) und vacuus („leer“). Es tritt im Deutschen zunächst in medizinischen Kontexten auf: bei Paracelsus im Sinne von „schädliche Stoffe aus dem Körper entfernen“, im 16. Jahrhundert als „etwas von seinem Inhalt befreien, entleeren“, im 17. Jahrhundert dann militärisch „bei drohender Gefahr eine Festung, ein Gebiet räumen, dessen Bewohner aussiedeln“, im 18. Jahrhundert technisch „einen abgeschlossenen Raum durch Auspumpen weitgehend luftleer machen“. Das Substantiv Evakuierung setzt sich erst im 20. Jahrhundert gegen das ältere Evakuation durch. WiktionaryDWDS

Die Etymologie verweist also auf einen Vorgang des Leermachens – auf etwas, das übrigbleibt, nachdem etwas anderes entfernt wurde. Eine Bedeutungsschicht, die sich später als verheerend brauchbar erweisen sollte.

NS-Verwendung

In der Sprache des Nationalsozialismus wurde Evakuierung zu einem der zentralen Tarnbegriffe für die Deportation und Ermordung der europäischen Juden. Die euphemistische Bezeichnung sollte – wie „Endlösung der Judenfrage“, „Deportation“, „Umsiedlung“ oder „Sonderbehandlung“ – die tatsächlichen Handlungen verschleiern. Wikipedia

Die Karriere des Wortes verlief in mehreren Etappen. Zunächst bezeichneten die Nationalsozialisten damit die Räumung der deutsch-französischen Grenzregion 1939/40, dann teilweise auch die Deportation der Juden. Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde der Begriff auch auf die Ausquartierung von Bombengeschädigten aus deutschen Großstädten angewandt. Im Jahr 1943 versuchte die nationalsozialistische Propaganda wiederum, den nach einer Notsituation klingenden Begriff der Evakuierung zu vermeiden und ihn durch „Rückführung“, „Räumung“ oder „Freimachung“ zu ersetzen. Online Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa

Die folgenreichste Verwendung erfuhr der Begriff auf der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Im Protokoll heißt es, an die Stelle der bisherigen Auswanderung solle nach „vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten“ treten. Heydrich erklärte, diese „Aktionen“ – also die „Evakuierungen“ – seien „jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen“, doch würden „hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind“. Im Protokoll findet sich der Begriff in seinen verwaltungstechnischen Verzweigungen wieder: die „evakuierten Juden“ würden „zunächst Zug um Zug in sogenannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden“; Juden über 65 Jahren seien „nicht zu evakuieren, sondern“ einem „Altersghetto“ – Theresienstadt – „zu überstellen“. Wikipedia + 2

Im behördlichen Schriftverkehr fand sich ein ganzes Vokabular der Verharmlosung: Die Juden wurden „abbefördert“, „ausgesiedelt“, „umgesiedelt“, „evakuiert“ oder „zur Abwanderung gebracht“, eine „Wohnsitzverlegung nach Theresienstadt“ durchgeführt und das Reich „von Juden geleert und befreit“. Wikipedia

Eine zweite, ebenfalls beschönigende Bedeutungsschicht entstand in der Endphase des Krieges: Die Räumung der Konzentrationslager vor den heranrückenden alliierten Truppen wurde offiziell als Evakuierung bezeichnet. Diese Massenmärsche zur Räumung von Konzentrationslagern und Verlegung von KZ-Häftlingen werden wegen der hohen Opferzahl vielfach auch Todesmarsch genannt. De-Academic

Rezeption

Die Nachkriegsforschung hat Evakuierung früh als Schlüsselwort der NS-Tätersprache identifiziert. Cornelia Schmitz-Bernings Vokabular des Nationalsozialismus (1998) ordnet den Begriff in das Feld der euphemistischen Tarnbezeichnungen ein, mit denen das Regime seine Verbrechen verwaltungstechnisch verschleierte – eine Sprache, die vielfach kleine Essays bildet, die man durchaus selbständig lesen kann. H-Soz-Kult

Das Problem reicht über die NS-Zeit hinaus. Evakuierung gehört nicht zu den offensichtlich belasteten Wörtern – anders als etwa „Sonderbehandlung“ oder „Endlösung“, die nach 1945 weitgehend tabuisiert wurden. Der Begriff ist im Gegenteil im humanitären Kerngebrauch geblieben und wird täglich verwendet: bei Hochwasser, Bombenfunden, Brandeinsätzen. Gerade diese Unauffälligkeit macht ihn zum Lehrstück. Wer „evakuiert“ wird, ist ja eigentlich der Geschützte. Dass dasselbe Wort für die Verschleppung in Gaskammern dienen konnte, gehört zu den dauerhaft verstörenden Befunden der NS-Sprachforschung.

Eine kritische Diskussion entzündet sich bis heute am Sprachgebrauch der Historiografie selbst. Der Begriff Evakuierungsmarsch für die Räumung der Konzentrationslager 1944/45 wird vielfach für euphemistische Tätersprache gehalten – die Forschung bevorzugt zunehmend Todesmarsch. Auch in der Geschichte der Deutschen im östlichen Europa wird Evakuierung in erster Linie verwendet, um die kriegsbedingten, im Verlauf und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs meist zwangsweise eingeleiteten Migrationen sogenannter „Volksdeutscher“ aus Ost- und Südosteuropa zu benennen – ein Gebrauch, der das vertriebenenpolitisch grundierte Selbstverständnis der Nachkriegszeit widerspiegelt. De-AcademicOnline Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa

Verwandte Begriffe

  • Sonderbehandlung
  • Endlösung
  • Umsiedlung
  • Aussiedlung
  • Deportation
  • Rückführung
  • Freimachung
  • Schutzhaft
  • Fabrikaktion
  • Endphaseverbrechen

Literatur

  • Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York: de Gruyter, 1998 (2., durchges. Aufl. 2007).
  • Auerbach, Hellmuth: Der Begriff „Sonderbehandlung“ im Sprachgebrauch der SS. Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte, Bd. 2. Stuttgart 1966.
  • Greiser, Katrin: Die Todesmärsche von Buchenwald. Räumung, Befreiung und Spuren der Erinnerung. Göttingen: Wallstein, 2008.
  • Gottwaldt, Alfred / Schulle, Diana: Die „Judendeportationen“ aus dem Deutschen Reich 1941–1945. Eine kommentierte Chronologie. Wiesbaden: Marix, 2005.
  • Klemperer, Victor: LTI – Notizbuch eines Philologen. Berlin: Aufbau, 1947 (zahlreiche Neuauflagen).
  • Pfeifer, Wolfgang (Hg.): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München: dtv, 1995, Stichwort „evakuieren“.
  • Pohl, Dieter: Verfolgung und Massenmord in der NS-Zeit 1933–1945. Darmstadt: WBG, 4. Aufl. 2017.
  • Longerich, Peter: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. München/Zürich: Piper, 1998.