Lebensraum
Der Begriff Lebensraum bezeichnet in seiner heutigen, alltagssprachlichen Verwendung die natürliche, geografische und soziale Umgebung, in der Menschen, Tiere oder Pflanzen existieren. In der Biologie ist er weitgehend deckungsgleich mit dem Begriff Habitat oder Biotop. Im politischen Vokabular des 20. Jahrhunderts hingegen entwickelte er sich zu einem der wirkmächtigsten und folgenreichsten Schlagwörter der deutschen Geschichte.
Etymologie
Das Kompositum aus Leben und Raum taucht im Deutschen vereinzelt schon im 18. und 19. Jahrhundert auf. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm verzeichnete 1879 lediglich einen einzigen Beleg, eine Stelle aus Goethes Wahlverwandtschaften (1809), in der „Lebensraum“ noch ganz unverdächtig die zu füllende Lebenszeit oder den Bewegungsspielraum eines Menschen meint. Zum Terminus mit theoretischem Anspruch wird das Wort erst um 1900: Der Geograph Friedrich Ratzel (1844–1904) prägte den Begriff „Lebensraum“ 1901 in einer gleichnamigen biogeographischen Studie Wikipedia, nachdem er ihn bereits 1897 in einer Skizze in der Zeitschrift Die Umschau sowie in seiner Politischen Geographie eingeführt hatte. Ratzel verstand Lebensraum zunächst als synthetisches Konzept, das die biologischen, geographischen und anthropologischen Bedingungen einer bestimmten Umgebung zusammenfasste Core – also als die Fläche, die eine Spezies bei gegebener Populationsgröße zum Überleben benötigt.
NS-Verwendung
Der Weg vom biogeographischen Fachbegriff zum völkermörderischen Programm verlief über mehrere Stationen. Schon zu Lebzeiten Ratzels wurde sein Begriff im wilhelminischen Imperialismus politisch aufgeladen: Ratzel selbst war Mitbegründer des Alldeutschen Verbandes und Mitglied der Deutschen Kolonialgesellschaft, beide für eine expansionistische deutsche Weltpolitik eintretend. Stadtlexikon Karlsruhe Vermittelt vor allem über den schwedischen Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén und den Geopolitiker Karl Haushofer wanderte der Begriff in die Ideologiewerkstätten der radikalen Rechten der Weimarer Republik. Schon der Stahlhelm begründete in seiner „Fürstenwalder Haßbotschaft“ vom 2. September 1928 seine Fundamentalopposition gegen die Republik damit, dass der bestehende Staatsaufbau den Weg versperre, „den notwendigen Lebensraum im Osten zu gewinnen“. Wikipedia
Hitler übernahm das Konzept in Mein Kampf und verband es mit Rassenbiologie und Sozialdarwinismus. Nach der Machtübernahme sprach Hitler am 3. Februar 1933 vor Offizieren der Reichswehr erstmals als Reichskanzler über die Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ und dessen Germanisierung. Dhm.de Damit war die semantische Operation abgeschlossen: Aus dem Habitat war ein Eroberungstitel geworden, aus der Biogeographie die Lizenz zum Vernichtungskrieg.
In der konkreten Anwendung diente das Schlagwort als Legitimation für den Überfall auf Polen 1939, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941 und den von Heinrich Himmler verantworteten Generalplan Ost, der die Vertreibung von über dreißig Millionen Menschen, die Versklavung der slawischen Bevölkerung und die Ermordung der osteuropäischen Juden vorsah. „Lebensraum“ funktionierte dabei als Tarnvokabel: Das harmlose, fast zoologisch klingende Wort verschleierte, was es in der Praxis bedeutete – Verdrängung, Hungerpolitik, Massenmord.
Rezeption
Nach 1945 ist „Lebensraum“ im politischen Diskurs der Bundesrepublik eines der am stärksten kontaminierten Wörter überhaupt. Wer es in expansiv-territorialer Lesart verwendet, outet sich. In der wissenschaftlichen Aufarbeitung ist der Begriff seit den 1980er Jahren (Woodruff D. Smith, Mechtild Rössler) Gegenstand intensiver geographie- und ideologiegeschichtlicher Forschung; die Frage, wie direkt die Linie von Ratzel zum Generalplan Ost verläuft, ist dabei umstritten. Heinz-Dietrich Schultz und andere haben darauf hingewiesen, dass Ratzels Konzept zwar das ideologische Fundament lieferte, aber nicht ohne weiteres mit der NS-Praxis identisch zu setzen sei.
In der biologischen und ökologischen Fachsprache ist „Lebensraum“ hingegen ohne Anrüchigkeit weiterhin gebräuchlich – der Wolf hat einen Lebensraum, die Auwälder sind einer. In der politischen Rede taucht das Wort gelegentlich in Tarnformen wieder auf: Wenn Akteure der Neuen Rechten von „Siedlungsraum“, „ethnokulturellem Raum“ oder „Volk und Raum“ sprechen, ist die Anschlussfähigkeit an die alte Semantik kalkuliert. Auch der vom Verfassungsschutz beobachtete Begriff des „Ethnopluralismus“ operiert mit räumlichen Zuweisungen, die das Lebensraum-Denken in modernisiertem Vokabular fortführen.
Verwandte Begriffe
Volk ohne Raum · Drang nach Osten · Generalplan Ost · Volkstum · Blut und Boden · Großraum · Ethnopluralismus · Siedlungsraum · Geopolitik
Literatur
- Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. 2. Aufl., De Gruyter, Berlin 2007.
- Mario Wenzel: Lebensraum. In: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Bd. 3: Begriffe, Theorien, Ideologien. De Gruyter Saur, Berlin 2011, S. 190 ff.
- Mechtild Rössler: „Wissenschaft und Lebensraum“. Geographische Ostforschung im Nationalsozialismus. Dietrich Reimer Verlag, Hamburg 1990.
- Woodruff D. Smith: The Ideological Origins of Nazi Imperialism. Oxford University Press, New York 1986.
- Horst Dreier: Wirtschaftsraum, Großraum, Lebensraum. Facetten eines belasteten Begriffs. In: ders.: Staatsrecht in Demokratie und Diktatur. Mohr Siebeck, Tübingen 2016, S. 299–344.
- Karl Lange: Der Terminus „Lebensraum“ in Hitlers „Mein Kampf“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 13 (1965), Heft 4, S. 426–437.
- Ulrike Jureit / Patricia Chiantera-Stutte (Hg.): Denken im Raum. Friedrich Ratzel als Schlüsselfigur geopolitischer Theoriebildung. Nomos, Baden-Baden 2021.