Belastete Worte

Remigration

Substantiv, feminin. Kunstwort aus dem lateinischen Präfix re- (zurück) und migratio (Wanderung). Wörtlich: Rückwanderung. In der Migrationsforschung ein etablierter Fachbegriff für die freiwillige Rückkehr von Menschen in ihr Herkunftsland – sei es nach abgeschlossener Erwerbstätigkeit, Familienzusammenführung, gescheiterter Auswanderung oder politischen Veränderungen. In dieser Verwendung beschreibt Remigration einen empirisch beobachtbaren Sachverhalt, der ungefähr so alt ist wie Migration selbst: Manche Menschen, die einmal gegangen sind, kommen zurück.

Im aktuellen politischen Diskurs der deutschsprachigen Länder bezeichnet Remigration etwas anderes – etwas grundlegend anderes. Sie meint die massenhafte, staatlich erzwungene Ausweisung von Menschen mit Migrationshintergrund, einschließlich deutscher Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, denen die Zugehörigkeit zur „autochthonen Bevölkerung“ abgesprochen wird. Aus der Selbstbestimmung der Rückkehrenden wird der Zwang gegen die Bleibenden. Aus der individuellen Wanderungsbewegung wird ein staatliches Vertreibungsprogramm.

Der Begriff ist damit das aktuell wirkungsmächtigste Beispiel für eine semantische Operation, die Martin Sellner selbst offen als strategisches Ziel benannt hat: die schrittweise Verschiebung des Sagbaren. Vokabeln aus dem rechtsextremen Wortschatz sollen, so Sellner, erst „undenkbar“, dann „radikal“, „akzeptabel“, „sensibel“ und schließlich „Realpolitik“ werden. Remigration hat diesen Weg in bemerkenswert kurzer Zeit zurückgelegt.

Etymologie und Vorgeschichte

In der wissenschaftlichen Literatur ist Remigration seit den 1950er Jahren als migrationssoziologischer Fachbegriff geläufig. Studien zur Rückkehr italienischer, spanischer, türkischer Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit, zur Heimkehr jüdischer Emigranten nach 1945, zur Rückwanderung deutschstämmiger Bevölkerungsgruppen aus Osteuropa – sie alle arbeiten mit dem Begriff in seinem deskriptiven Sinn. Die Remigration von Holocaustüberlebenden und politisch Verfolgten gehört zu den wichtigen Forschungsfeldern der Exilforschung; das Themenheft hat eine eigene Tradition, eigene Tagungen, eigene Lehrstühle.

In dieser Verwendung ist Remigration das genaue Gegenteil dessen, was die Neue Rechte heute meint: Es bezeichnet die freiwillige Heimkehr von Menschen, die einmal gegangen sind oder gehen mussten – und die nun, oft nach traumatischer Erfahrung, in ihr ursprüngliches Land zurückkehren. Die Akteure sind die Migrantinnen und Migranten selbst, nicht der Staat. Der Wille ist ihrer, nicht der einer ethnisch homogenen Mehrheit.

Genau diese akademische Reputation macht den Begriff für die Neue Rechte interessant. Wer Remigration sagt, klingt nicht nach Vertreibung. Er klingt nach einem Lehrstuhl.

Verwendung im Rechtsextremismus und in der Neuen Rechten

Die Umcodierung des Begriffs setzt etwa Mitte der 2010er Jahre ein. In Schriften aus dem Umfeld der österreichischen Identitären Bewegung, insbesondere bei Martin Sellner, wird Remigration zum Sammelbegriff für eine ganze Programmatik: die Rückführung nicht nur abgelehnter Asylbewerber, nicht nur ausreisepflichtiger Ausländer, sondern explizit auch eingebürgerter Deutscher, die nach völkischen Kriterien als „nicht assimiliert“ gelten. Sellner nannte beim Geheimtreffen in Potsdam (November 2023) drei Zielgruppen: Asylsuchende, Ausländer mit Bleiberecht – und „nicht assimilierte Staatsbürger“.

Die Operation ist klar. Remigration funktioniert als Tarnvokabel exakt nach dem Muster von Endlösung oder Sonderbehandlung – mit dem Unterschied, dass sie nicht aus dem NS-Vokabular stammt, sondern aus der Wissenschaft. Sie verschleiert nicht durch Verwaltungsdeutsch, sondern durch Akademismus. Was tatsächlich gemeint ist, hat Götz Kubitschek mit unfreiwilliger Klarheit formuliert: Remigration solle „bis zum Ende des Jahres“ – gemeint war 2023 – „in der Gesellschaft“ angekommen sein. Was ankommen soll, ist nicht die Wissenschaft, sondern die Forderung.

In der AfD ist der Begriff seit etwa 2017 in Gebrauch, hat aber spätestens seit dem Potsdamer Treffen und dessen Aufdeckung durch Correctiv im Januar 2024 einen quasi-offiziellen Status. Die AfD Bayern beschloss im November 2024 eine „Resolution für Remigration“, die Aberkennung deutscher Staatsbürgerschaften und Massenrückführungen vorsieht. Die AfD Sachsen warb mit dem Slogan: „Remigration ist nicht verboten oder anstößig, sondern im nationalen Interesse Deutschlands.“ Björn Höcke flankiert das mit der Ankündigung, „Deutschland muss wieder deutscher werden“ – ein Satz, der die innere Logik der Remigration in einen einzigen Hauptsatz fasst.

Der Begriff ist damit das vollendete Beispiel für jene Strategie, die der Ethnopluralismus theoretisch grundiert: die Rückkehr zum Konzept ethnisch homogener Räume, ohne das Vokabular des historischen Faschismus bemühen zu müssen. Remigration ist die operative Übersetzung des Ethnopluralismus in konkrete Politik. Wo Ethnopluralismus fragt, wer wohin gehöre, antwortet Remigration: Diejenigen, die wir nicht zugehörig finden, müssen weg.

Die historischen Echos sind unüberhörbar. Bereits 1940 hatte die NS-Führung mit dem Madagaskar-Plan die massenhafte Verschickung der europäischen Juden auf die ostafrikanische Insel erwogen – eine Remigration avant la lettre, mit der die Endlösung der Judenfrage zunächst in territorialer Form gedacht wurde, bevor sie in den Vernichtungslagern endete. Das Potsdamer Treffen 2023 fand, wie Beobachter schnell feststellten, knapp acht Kilometer vom Ort der Wannseekonferenz statt. Die Parallele ist nicht zwingend, aber sie ist nicht zufällig.

Rezeption und Kritik

Die deutsche Sprachwissenschaft hat schnell reagiert. Remigration wurde im Januar 2024 zum Unwort des Jahres 2023 gewählt – auf Vorschlag der Jury der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“, die das Wort als „harmlos daherkommenden Begriff“ beschrieb, der „die wahren Absichten“ verschleiere: „die Deportation aller Menschen mit vermeintlich falscher Hautfarbe oder Herkunft, selbst dann, wenn sie deutsche Staatsbürger sind“ (Ruprecht Polenz, Gastjuror).

Bereits vor der Correctiv-Veröffentlichung lag der Begriff der Jury vor; die Veröffentlichung beschleunigte und verschärfte die Wahl. Bemerkenswert ist die Sprengkraft, die das Wort in den Wochen nach dem 10. Januar 2024 entfaltete: Hunderttausende Menschen demonstrierten in deutschen Städten gegen Rechtsextremismus, gegen die AfD, gegen Remigration. Selten hat ein einzelnes Wort eine so breite gesellschaftliche Reaktion ausgelöst.

Migrationswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler haben den Begriff parallel verteidigen müssen – als wissenschaftlichen Fachterminus, der nicht den Rechtsextremen überlassen werden dürfe. Naika Foroutan, Yasemin Karakaşoğlu und andere haben darauf hingewiesen, dass Remigration in der Forschung weiterhin ihre legitime Bedeutung hat: als Analysebegriff für Rückkehrprozesse. Diese Verteidigung ist allerdings ein zähes Geschäft. Wenn ein Wort einmal politisch besetzt ist, bleibt es das, jedenfalls für eine Zeit. Remigration ist heute, wer auch immer es benutzt, kein neutrales Wort mehr.

Sprachkritisch lässt sich die Karriere des Begriffs als geradezu lehrbuchhaftes Beispiel der Sellner’schen Strategie lesen. Vor zehn Jahren stand Remigration in der Migrationssoziologie. Vor fünf Jahren begann die Identitäre Bewegung sie zu entlehnen. Vor zwei Jahren übernahm die AfD sie in Reden und Programmen. Heute ist sie Wahlkampfvokabel. Die Wegstrecke zwischen Lehrstuhl und Parteitag betrug ungefähr eine Dekade.

Verfassungsrechtlich ist die rechte Lesart des Begriffs eindeutig zu beurteilen: Die Aberkennung deutscher Staatsbürgerschaften aufgrund ethnischer Kriterien verstößt gegen Art. 16 GG (Schutz vor Ausbürgerung), die zwangsweise Ausweisung deutscher Staatsbürger gegen Art. 11 GG (Freizügigkeit) und Art. 1 GG (Menschenwürde), die ethnische Selektion gegen Art. 3 GG (Gleichheitsgrundsatz). Was die Neue Rechte unter Remigration versteht, ist nicht eine umstrittene politische Forderung. Es ist ein verfassungswidriges Programm.

Verwandte Begriffe

[Ethnopluralismus] · [autochthone Bevölkerung] · [Großer Austausch] · [Bevölkerungsaustausch] · [Umvolkung] · [Volksgemeinschaft] · [Volkstod] · [Identitäre Bewegung] · [Madagaskar-Plan] · [Leitkultur]

Literatur

  • Bensmann, Marcus / Dowideit, Anette / Keller, Jean-Pierre / Peters, Justus von Daniels / Strunz, Gabriela: Geheimplan gegen Deutschland. Correctiv-Recherche, veröffentlicht am 10. Januar 2024.
  • Bojadžijev, Manuela / Karakayalı, Serhat: Recherchen zur Geschichte der Rückkehrmigration, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 39 (2009), H. 156, S. 415–432.
  • Foroutan, Naika: Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript 2019.
  • Goetz, Judith: „Remigration“ – ein altes neues Konzept der extremen Rechten, in: Forum für Politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur Politischen Bildung 49 (2024).
  • Krause, Skadi: Remigration nach Deutschland. Politische und gesellschaftliche Aspekte, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 35–37/2024.
  • Sellner, Martin: Remigration. Ein Vorschlag. Schnellroda: Antaios 2024 (Primärquelle, kritisch zu rezipieren).
  • Speit, Andreas: Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus. Berlin: Ch. Links 2021.
  • Strobl, Natascha: Radikalisierter Konservatismus. Eine Analyse. Berlin: Suhrkamp 2021.
  • Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart: Klett-Cotta 2017.
  • Unwort des Jahres 2023: Begründung der Jury, abrufbar unter unwortdesjahres.net.