Deutschland den Deutschen
Politische Parole nationalistischen, völkischen und ausgrenzenden Charakters. Der dreiteilige Nominalsatz arbeitet ohne Verb und damit ohne Begründung – er behauptet einen Besitzanspruch und erspart sich dessen Herleitung. Die Konstruktion folgt dem Muster der Widmungs- oder Zueignungsformel („Den Toten zur Ehre“, „Dem deutschen Volke“), kippt diese aber ins Exklusive: Was den einen zugesprochen wird, wird allen anderen abgesprochen. Wer „die Deutschen“ sind, klärt der Satz nicht – er setzt es voraus, und genau darin liegt seine Funktion. Die Parole arbeitet mit einem ethnisch-völkischen Volksbegriff, der mit dem staatsbürgerlichen Deutschlandbegriff des Grundgesetzes nichts zu tun hat.
Etymologisch handelt es sich um eine Parallelbildung zu älteren nationalistischen Losungen des 19. Jahrhunderts („Italien den Italienern“, „Frankreich den Franzosen“), die im Kontext der nationalstaatlichen Bewegungen Europas entstanden. In Deutschland wird sie ab dem späten Kaiserreich greifbar und gewinnt nach 1918 im Milieu der völkischen Verbände ihre eigentliche politische Schlagkraft.
NS-Verwendung und völkische Vorgeschichte. Die Parole wurde zur Losung des im Februar 1919 in Bamberg gegründeten Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Wikipedia, der aus dem Alldeutschen Verband hervorging und sich rasch zur einflussreichsten antisemitischen Organisation der frühen Weimarer Republik entwickelte. Auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung 1922 organisierte er in rund 600 Ortsgruppen zwischen 150.000 und 180.000 Mitglieder und überzog Deutschland mit einer beispiellosen Flut antisemitischer und antirepublikanischer Propaganda. Nsdoku Die Losung „Deutschland den Deutschen“ diente dabei als ideologische Klammer eines Programms, das die jüdische Bevölkerung systematisch aus dem Staatsvolk herausschrieb und das demokratische System der Weimarer Republik als „undeutsch“ denunzierte.
Nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau wurde der Bund 1922 in den meisten Ländern des Reichs verboten; zahlreiche Mitglieder, Hintermänner und Förderer wanderten in die NSDAP ab, der Bund kann als Bindeglied zwischen dem Alldeutschen Verband und der NSDAP gelten. Klabund Die Parole wanderte mit. In der NS-Ideologie war sie semantisch eng gekoppelt an die Vorstellung eines „judenfreien“ Reichs und wurde so auch zum sprachlichen Begleitmotiv der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik – von der Ausbürgerung über die Nürnberger Gesetze bis zu Deportation und Shoah.
Rezeption nach 1945. Die Parole überlebte 1945 in der bundesdeutschen Rechten und erlebte ihre erste massenwirksame Wiederkehr im Umfeld der NPD und neonazistischer Kameradschaften der 1980er Jahre, häufig in der zweigliedrigen Variante „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus“. In dieser Form skandiert, wurde sie zum akustischen Markenzeichen der pogromartigen Ausschreitungen Anfang der 1990er Jahre, exemplarisch im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen, als ein aufgewiegelter Mob unter eben dieser Losung das Sonnenblumenhaus mit darin verbarrikadierten vietnamesischen Vertragsarbeitenden in Brand zu setzen versuchte.
Strafrechtlich ist die Parole – anders als „Alles für Deutschland“ – nicht als Kennzeichen einer verfassungswidrigen Organisation nach § 86a StGB eingestuft. Sie kann aber im Einzelfall den Tatbestand der Volksverhetzung nach § 130 StGB erfüllen, etwa wenn sie in Kombination mit weiteren Aufforderungen zu Hass oder Gewalt geäußert wird.
Im 21. Jahrhundert wanderte die Losung in den Sprachgebrauch der AfD und ihres völkischen Flügels. André Poggenburg, damals AfD-Landeschef in Sachsen-Anhalt, verwendete sie 2017 öffentlich und versuchte, sie als legitimen nationalstaatlichen Anspruch zu rahmen – ein Manöver, das die Forschungsliteratur als typisches Beispiel rechter Normalisierungsstrategie beschreibt: Eine historisch unmissverständlich besetzte Parole wird durch gespielte Naivität („Warum soll das nicht auch für Deutschland legitim sein?“) zurück in den Bereich des sagbaren Mainstreams gezogen.
Verwandte Begriffe. Volksgemeinschaft – Volkskörper – Umvolkung – Großer Austausch – Remigration – Alles für Deutschland – Ein Volk, ein Reich, ein Führer
Literatur.
- Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. 2. Aufl., De Gruyter, Berlin 2007.
- Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923. Leibniz, Hamburg 1970.
- Stefan Breuer: Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008.
- Andreas Kemper: Rechte Euphemismen. Sprachstrategien der Neuen Rechten. Münster 2018.
- Heike Kleffner / Matthias Meisner (Hg.): Fluchtpunkt Rechtsaußen. Migration, völkischer Nationalismus und die radikale Rechte. Herder, Freiburg 2019.