Volksgesundheit
Volksgesundheit bezeichnet im weitesten Sinne den Gesundheitszustand einer Bevölkerung als Ganzes – also nicht das Wohlbefinden einzelner Personen, sondern eines kollektiven Subjekts. Im deutschen Sprachgebrauch ist der Begriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Übersetzung von „Public Health“ geprägt worden, das Ziel der entsprechenden Maßnahmen war die „Volksgesundung“. Wikipedia
Anders als seine englische Entsprechung public health hat das deutsche Wort jedoch eine schwere Hypothek. Volk ist im Deutschen kein neutraler Begriff für Bevölkerung; es ist eine politische Vokabel mit langer völkischer Geschichte. Wer von Volksgesundheit spricht, spricht – ob beabsichtigt oder nicht – nicht von der Gesundheit aller Menschen in einem Land, sondern von der Gesundheit eines imaginierten Kollektivs, dessen Grenzen historisch entlang von Abstammung, „Rasse“ und „Erbgut“ gezogen wurden. Diese Schicht ist semantisch nie ganz verschwunden.
Im heutigen Sprachgebrauch hat sich die Forschung weitgehend von dem Begriff verabschiedet und spricht stattdessen von öffentlicher Gesundheit, Bevölkerungsgesundheit oder Public Health. Volksgesundheit überlebt vor allem in zwei Milieus: in alten Behördenformeln und in der politischen Rhetorik der Rechten.
Etymologie
Das Kompositum Volksgesundheit ist eine deutsche Wortbildung aus Volk und Gesundheit. Der Begriff entsteht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kontext der jungen Disziplin der Hygiene, die sich als staatliche Wissenschaft von der Gesundheit der Bevölkerung etablierte. Die herausragenden Persönlichkeiten waren in Deutschland Max Josef von Pettenkofer (Studie über die Cholera, 1865 erster Lehrstuhl für Hygiene) und Robert Koch. HLS-DHS-DSS
Die Vorstellung einer kollektiven Gesundheit ist eng mit der Sozialhygiene und der Eugenik verbunden, beides Bewegungen, die um 1900 international populär waren. Bereits 1907 schreibt der Mediziner Ernst Kürz: „Jene Mißverständnisse zu beseitigen und dadurch die Volksgesundheit zu heben, ist Sache der Hygiene als einer praktischen Disziplin, deren Aufgabe also in der Durchführung der im Einzelnen oben angeführten sozialen Reformen besteht und als Gesundheitspolitik verzeichnet werden kann.“ Charite
In dieser Frühphase ist der Begriff nicht zwingend rassistisch konnotiert. Er steht für ein progressives Programm staatlicher Daseinsvorsorge: Trinkwasserversorgung, Kanalisation, Wohnhygiene, Arbeitsschutz, Mutterschutz, Tuberkulosebekämpfung. Die Volksgesundheit gehört in das Reformvokabular der frühen Sozialstaatsidee – noch.
NS-Verwendung
Im Nationalsozialismus wird Volksgesundheit zu einem Schlüsselbegriff der Bevölkerungs- und Vernichtungspolitik. Das Wort behält seine wissenschaftliche Aura, wird aber in einen rassenbiologischen Rahmen eingespannt, der sein Bedeutungsfeld vollständig umordnet. Volk meint nun nicht mehr Bevölkerung, sondern den durch Abstammung definierten Volkskörper – und Gesundheit meint nicht mehr Wohlbefinden, sondern Reinheit, Erbgesundheit, „Aufartung“.
Die nationalsozialistische Rassenhygiene erachtete die Weitervererbung von Krankheiten, insbesondere von psychischen Erkrankungen und Epilepsie und die Vermischung der arischen Rasse mit angeblich minderwertigeren „Rassen“ (hauptsächlich Juden, Slawen, Sinti und Roma) mit ihrer Auffassung der Volksgesundheit als unvereinbar. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 und das Blutschutzgesetz vom 15. September 1935 (sogenannte „Nürnberger Gesetze“) erforderten zahlreiche medizinische Begutachtungen durch T4-Gutachter und hatten für die Betroffenen weitreichende Folgen. Wikipedia
Der Begriff funktioniert als Legitimationsformel für eine Reihe von Verbrechen: Zwangssterilisationen, Eheverbote, „Euthanasie“, schließlich der Massenmord. Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 Schätzungen zufolge rund 400.000 Menschen sterilisiert, dabei starben mehrere tausend Menschen, insbesondere Frauen, an Komplikationen bei oder infolge der Operationen. Jeder einzelne dieser Eingriffe wurde mit der Volksgesundheit gerechtfertigt. Doebeln-im-ns
Die Logik ist umstandslos: Wenn das Volk der eigentliche Patient ist, dann sind seine einzelnen Mitglieder nur Zellen in einem größeren Organismus. Kranke, Behinderte, Juden, Sinti und Roma erscheinen dann als „Krebsgeschwür“, „Bazillus“, „Schädling“ – Metaphern, die nicht zufällig in der NS-Rhetorik allgegenwärtig sind. Die Vernichtung wird zur Hygienemaßnahme, der Massenmord zur Therapie. Die Aktion T4, in der zwischen 1940 und 1941 etwa 70.000 als „lebensunwert“ eingestufte Menschen ermordet wurden, ist die unmittelbare Konsequenz dieser Begrifflichkeit.
Die Ansätze der in den 1920er Jahren aufgekommenen Forschungen der Sozialhygiene als „Wissenschaft von der Erhaltung und Mehrung der Gesundheit“ in Verbindung mit der praktischen Anwendung bevölkerungsweiter Erkenntnisse zur Sicherung der Volksgesundheit wurden vom totalitären NS-Regime radikal umgedeutet und für die Vernichtungspolitik instrumentalisiert. Wikipedia
Institutionell schlägt sich das Programm im Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens vom 3. Juli 1934 nieder, das die Gesundheitsämter zu Vollzugsorganen der Rassenhygiene machte. Auch die Reichsärztekammer unter Gerhard Wagner und Leonardo Conti (Reichsgesundheitsführer ab 1939) operierte konsequent mit dem Vokabular der Volksgesundheit. Dass dasselbe Vokabular zugleich für reale gesundheitspolitische Maßnahmen wie Tuberkulose-Vorsorge, Anti-Raucher-Kampagnen oder Mutter-Kind-Programme verwendet wurde, machte den Begriff besonders effektiv: Er verband legitim erscheinende Public-Health-Anliegen mit den darunter liegenden Vernichtungsprogrammen zu einer einzigen, scheinbar wissenschaftlichen Sphäre.
Rezeption
Nach 1945 wurde der Begriff in der westdeutschen Fachsprache zunehmend gemieden. Die Forschung weiß um seine Belastung; in Lehrbüchern, Verordnungen und Studiengängen ist heute meist von öffentlicher Gesundheit, Bevölkerungsgesundheit oder Public Health die Rede. Auch das Bundesgesundheitsministerium heißt nicht Volksgesundheitsministerium – im Gegensatz zur DDR, wo das Ministerium für Gesundheitswesen gelegentlich die Volksgesundheit als Aufgabe formulierte, allerdings ohne die rassenbiologische Konnotation der NS-Zeit.
Vollständig verschwunden ist das Wort jedoch nie. Es überlebt zum einen in juristischen und administrativen Resttexten – das Bundesverwaltungsgericht etwa argumentiert mitunter mit Sonderopfern für die Volksgesundheit –, zum anderen in der politischen Rhetorik. Hier zeigt sich die alte Doppeldeutigkeit besonders scharf.
Während der Corona-Pandemie erlebte der Begriff eine bemerkenswerte Renaissance, und zwar von zwei Seiten zugleich. Auf der einen Seite verwendeten Behörden und Mainstream-Medien Volksgesundheit gelegentlich als scheinbar neutralen Sammelbegriff für die Begründung von Schutzmaßnahmen – ein Sprachgebrauch, der die historische Belastung weitgehend ignorierte. Auf der anderen Seite wurde dasselbe Wort zur Munition der Querdenker-Bewegung. Die quergedachte politische Deutung der Corona-Krise: Da das Virus keine Gefahr für die Volksgesundheit darstellt, ersinnen die Querdenker andere Erklärungsmodelle. Die meisten laufen auf die Errichtung einer Diktatur hinaus. Der Vorwurf, die Volksgesundheit werde durch die Maßnahmen selbst geschädigt, wurde zum Standardargument einer Bewegung, die sich selbst als Rettungsmannschaft eines bedrohten Kollektivs inszenierte. Austria-Forum
Diese Inszenierung knüpft an ein älteres Muster an. Die Volksgesundheit dient hier wie dort nicht der Beschreibung eines messbaren Zustands, sondern als Vehikel einer politischen Erzählung: Es gibt das Volk, das Volk hat Feinde, die Feinde gefährden seine Gesundheit, und nur eine entschlossene Gegenbewegung kann es retten. Wer der Feind ist, variiert – die Juden, die Behinderten, die WHO, Bill Gates, die Pharmaindustrie, die Globalisten. Die Struktur des Arguments bleibt dieselbe.
Im Vokabular der AfD und der sogenannten dieBasis-Partei taucht die Volksgesundheit regelmäßig auf, häufig im Kontext von Impfkritik, Migrationsdebatten und Lebensreform-Themen. Auch in den Telegram-Kanälen der Reichsbürger und in den Schriften der Neuen Rechten ist sie präsent. Der Begriff funktioniert dort als ideologische Klammer zwischen Gesundheitspolitik und Bevölkerungspolitik – also genau in jener Zone, in der ihn die Nationalsozialisten platziert hatten.
Es wäre übertrieben zu sagen, jede Verwendung des Wortes sei verdächtig. In einem ärztlichen Fachartikel zur Tuberkuloseprävention bedeutet Volksgesundheit heute schlicht Bevölkerungsgesundheit. Aber der Begriff ist alt, und er trägt die Geschichte mit sich. Wer ihn benutzt, ohne sich dessen bewusst zu sein, sollte ihn ersetzen. Wer ihn benutzt und sich dessen bewusst ist, sagt damit etwas mehr.
Verwandte Begriffe
- Volkskörper
- Volksgemeinschaft
- Rassenhygiene
- Erbgesundheit
- Eugenik
- Erbpflege
- Aufartung
- Lebensunwertes Leben
- Aktion T4
- Public Health
- Sozialhygiene
- Schulmedizin
- Neue Deutsche Heilkunde
- Reichsgesundheitsführer
Literatur
- Schmuhl, Hans-Walter: Rassenhygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von der Verhütung zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ 1890–1945. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2., durchges. Aufl. 1992.
- Weindling, Paul: Health, Race and German Politics between National Unification and Nazism, 1870–1945. Cambridge: Cambridge University Press, 1989.
- Labisch, Alfons: Homo Hygienicus. Gesundheit und Medizin in der Neuzeit. Frankfurt a. M./New York: Campus, 1992.
- Labisch, Alfons / Tennstedt, Florian: Der Weg zum „Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens“ vom 3. Juli 1934. Entwicklungslinien und -momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland. Düsseldorf: Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, 1985.
- Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1986.
- Klee, Ernst: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt a. M.: Fischer, erw. Neuausg. 2010.
- Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York: de Gruyter, 1998 (2., durchges. Aufl. 2007).
- Süß, Winfried: Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939–1945. München: Oldenbourg, 2003.
- Roelcke, Volker: Krankheit und Kulturkritik. Psychiatrische Gesellschaftsdeutungen im bürgerlichen Zeitalter (1790–1914). Frankfurt a. M./New York: Campus, 1999.
- Hubenstorf, Michael: Sozialhygiene, Staatsmedizin, öffentliches Gesundheitswesen – politische Sprache und politische Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik, in: Norbert Paul / Thomas Schlich (Hg.): Medizingeschichte. Aufgaben, Probleme, Perspektiven. Frankfurt a. M./New York: Campus, 1998, S. 113–135.
- Nachtwey, Oliver / Schäfer, Robert / Frei, Nadine: Politische Soziologie der Corona-Proteste. Universität Basel, 2020.