Schulmedizin
Schulmedizin bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch die an Universitäten gelehrte, evidenzbasierte und naturwissenschaftlich fundierte Medizin – also schlicht: die Medizin. Als neutrale Fachbezeichnung dürfte das Wort gelten, wäre da nicht seine Geschichte. Tatsächlich handelt es sich um einen Kampfbegriff. Er wurde im 19. Jahrhundert geprägt, um die wissenschaftliche Medizin abzuwerten, und er hat diese Funktion nie ganz verloren. Wer heute Schulmedizin sagt, signalisiert in der Regel, dass es daneben etwas Anderes, Besseres, Eigentliches gebe – die Naturheilkunde, die Homöopathie, die „Ganzheitlichkeit“, die „echte“ Medizin.
Die Forschung schlägt seit Jahrzehnten Ersatzbegriffe vor – wissenschaftliche Medizin, evidenzbasierte Medizin, universitäre Medizin – ohne durchschlagenden Erfolg. „Schulmedizin“ wurde ursprünglich als abwertender Kampfbegriff in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Vertretern der Homöopathie und Naturheilkunde geprägt und verbreitet. Die Bezeichnung ist bis heute in Gebrauch, um heilkundliche Lehren und Praktiken, die zum Lehrinhalt der akademischen Medizin gehören, von der Alternativmedizin abzugrenzen. Die Asymmetrie ist semantisch verräterisch: Eine Schule ist eine partikulare Lehrmeinung unter vielen. Wer die wissenschaftliche Medizin so etikettiert, hat den entscheidenden Schritt schon getan. Wikipedia
Etymologie
Das Wort kombiniert Schule und Medizin. Die Schule verweist hier weniger auf die Lehranstalt als auf die geistige Tradition oder Denkrichtung – eine Schule im Sinne einer geschlossenen Lehrmeinung, deren Anhänger ihre Wahrheit verteidigen. Der Ausdruck „Schulmedizin“ lässt sich von der mittelalterlichen Bezeichnung für medizinische Ausbildungsstätten herleiten – beispielsweise Schule von Salerno, lateinisch Schola (medica) Salernitana. Wikipedia
Die polemische Wendung des Begriffs geht auf Samuel Hahnemann zurück, den Begründer der Homöopathie. In der 1831 veröffentlichten Schrift Die Allöopathie. Ein Wort der Warnung an Kranke jeder Art warnt Hahnemann vor den Ärzten sowie der Arzneikunst „alter Schule“. 1832 tauchte die Bezeichnung „Mediziner der Schule“ erstmals auf. Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, bezeichnete damit abfällig Ärzte, die seiner Theorie nicht folgen wollten. 1880 setzte der Laienhomöopath Heinrich Milbrot „Schulmedizin“ als Kampfbegriff ein, um damals etablierte medizinische Methoden abzuwerten. Wikipedia + 2
Die Ironie ist offenkundig: Wer eine 200 Jahre lang nahezu unveränderte Lehre vertritt, deren Grundsätze trotz ihrer naturwissenschaftlichen Widerlegung beibehalten werden, beschuldigt die hochdynamische, ständig revisionsbereite Wissenschaft, eine starre Schule zu sein. Eine projektive Wortschöpfung also – das, was die Homöopathie ist, soll die andere Seite sein.
NS-Verwendung
Im Nationalsozialismus erfuhr der Begriff seine ideologische Aufladung und antisemitische Zuspitzung. Die Vorgeschichte reicht in die Weimarer Republik. Bereits 1934 forderte der Arzt Erwin Liek „Es ist mein Glaube, dass das deutsche Volk berufen ist, nach und nach eine ganz neue, rein deutsche Heilkunst zu entwickeln. Diese deutsche Heilkunst der Zukunft wird dann Tatsache geworden sein, wenn das Heilwissen der Heilpraktiker und das Heilwissen der Schulmediziner eine neue Synthese eingegangen sind.“ GWUP
Die Nationalsozialisten griffen diese Vorlage auf. Insbesondere die Vorstellung, dass die „Schulmedizin“ (ein Schimpfwort des Homöopathie-Erfinders Samuel Hahnemann) „jüdisch-marxistisch durchsetzt“ sei, wurde von der NS-Propaganda aufgegriffen. Die Nationalsozialisten mit ihrer bekannten Nähe zu volkstümelnder Esoterik griffen die Terminologie auf und verwendeten das Wort „Schulmedizin“ als Kampfbegriff gegen wissenschaftliche Medizin, meist zusätzlich als „verjudete“ oder „marxistische“ „Schulmedizin“ verunglimpft. GWUPchrismon
Die antisemitische Stoßrichtung war kein Zufall. „Die Nazis haben die sogenannte ‚verjudete Schulmedizin‘ als Kampfbegriff gebraucht. Das hatte den Hintergrund, dass viele gute Mediziner jüdischer Herkunft waren und die Antisemiten sich abgrenzen wollten. Es gab eine große Nähe vieler Nationalsozialisten zur esoterischen Bewegung.“ Man wollte die „Neue Deutsche Heilkunde“ als naturnahe, volksnahe, deutsche Medizin schaffen. chrismon
Die Neue Deutsche Heilkunde war das institutionelle Projekt dieser Sprachpolitik. In der Neuen Deutschen Heilkunde sollten die seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend naturwissenschaftlich fundierte „Schulmedizin“ und die „biologischen Heilverfahren“ zusammengefasst werden. Die homöopathischen Laienvereine bekannten sich häufig begeistert zur nationalsozialistischen Bewegung. In der Laienzeitschrift „Homöopathische Monatsblätter“ erschienen Aufsätze zur „Rassenhygiene“ und zu Nationalistisch-Völkischem, sogar zum Wert der Homöopathie für die Behandlung von Erbkrankheiten. Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte vollzog 1933 die Gleichschaltung und wurde 1935 Mitglied der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“. Erstmals in ihrer Geschichte genoss die Homöopathie staatliche Unterstützung. Wikipedia
Während des Kongresses betonten Redner immer wieder die angebliche Übereinstimmung von Homöopathie und nationalsozialistischer Weltanschauung. Die Homöopathie wurde als „arteigene“ deutsche Heilweise dargestellt, die – anders als die „zersetzende“ Schulmedizin – im Einklang mit der „Naturordnung“ stehe. Diese ideologische Überhöhung diente nicht nur der Legitimierung alternativer Heilverfahren innerhalb der NS-Medizin, sondern war zugleich Ausdruck eines völkischen Gesundheitsverständnisses, das Gesundheit als Pflicht gegenüber der „Volksgemeinschaft“ definierte. GWUP
Auch die institutionelle Zementierung der Heilpraktiker als gesetzlich anerkanntes Berufsbild durch das Heilpraktikergesetz von 1939 ist ein Erbe dieser Konstellation. Die Bundesrepublik hat es nie aufgehoben.
Rezeption
In der Nachkriegszeit verlor der Begriff seine offen antisemitische Aufladung, behielt aber seine antiwissenschaftliche Stoßrichtung. Schulmedizin wurde zum Allgemeingut der Alternativmedizin-Werbung, zum Vokabular von Heilpraktikern, Esoterikmessen und Lifestyle-Magazinen – und allmählich auch zum scheinbar neutralen Wort des juristischen und alltagssprachlichen Sprachgebrauchs.
Eine kritische Auseinandersetzung mit der Begriffsgeschichte hat erst in jüngerer Zeit Fahrt aufgenommen. Wer die historische Belastung des Begriffs kennt, kann nicht mehr auf Unwissenheit plädieren. Die Kritik richtet sich auf zwei Punkte: die suggerierte Gleichwertigkeit von wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Medizin sowie die historische Belastung des Wortes selbst. Die Gegenüberstellung von „Schulmedizin“ und „Alternativmedizin“ suggeriert, dass beide Ansätze gleichwertig seien. Das ist irreführend, da alternative Methoden oft keinen wissenschaftlichen Nachweis ihrer Wirksamkeit erbringen. Der Begriff „Schulmedizin“ wird in pseudowissenschaftlichen Diskussionen oft genutzt, um wissenschaftliche Standards infrage zu stellen und damit unwissenschaftliche Praktiken zu legitimieren. Die RettungsaffenDie Rettungsaffen
Eine besondere Renaissance erlebte das Wort während der Corona-Pandemie. In den Telegram-Kanälen der Querdenker-Bewegung wurde Schulmedizin zum Sammelbegriff für alles Verdächtige: Impfungen, Virologie, Klinikversorgung, Pharmaindustrie. 39 Prozent der Befragten einer Studie zu Querdenken-Demonstrationen stimmten der Aussage zu, dass alternative Heilmethoden besser helfen als die Schulmedizin. Eine romantisch inspirierte Hinwendung zu ganzheitlichen, anthroposophischen Denkweisen, dem Glauben an die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers, Forderungen nach mehr spirituellem Denken und dem Wunsch, Schulmedizin und alternative Heilmethoden gleichzustellen – das ist die Programmatik, in der das Wort heute zu Hause ist. Gwuptaz.de
Direkte Kontinuitätslinien führen ins offen rechtsextreme Spektrum. Der Erfinder der „Germanischen Neuen Medizin“, Ryke Geerd Hamer, betrieb seine Esoterik mit unverhüllter NS-Rhetorik. Hamers Germanische Neue Medizin sollte laut seiner Aussage das Gegenstück zur „dummen alten jüdischen Schulmedizin“ sein. Mit dieser Formulierung greift er die Propagandasprache der Nationalsozialisten auf, die den Begriff der „jüdischen Schulmedizin“ als abwertende Bezeichnung nutzten, um die wissenschaftliche Medizin schlecht zu machen. Hamer verbreitete zudem die Verschwörungstheorie, dass Nichtjuden gezwungen würden, weiterhin „die jüdische Schulmedizin zu praktizieren“. Apotheken Umschau
Hier schließt sich der Kreis: Die GNM, eine Pseudomedizin mit eindeutig antisemitischer Stoßrichtung, ist heute fester Bestandteil der Esoterik-Szene und wird in Veranstaltungen am Rand der Querdenker-Bewegung gelehrt. Auch eine Heilpraktikerin aus dem Umfeld der mutmaßlich rechtsterroristischen „Patriotischen Union“ referierte hier schon. taz.de
Schulmedizin ist ein Wort, das seine politische Geschichte mit sich trägt, ob seine Sprecher davon wissen oder nicht. Wer es heute verwendet, übernimmt ein Etikett, das zur Abwertung der wissenschaftlichen Medizin geprägt wurde, das die Nazis zur Diffamierung jüdischer Ärzte schärften und das im verschwörungsideologischen Milieu der Gegenwart eine zweite Blüte erlebt. Das macht nicht jede Verwendung verdächtig. Aber jede Verwendung sollte sich der Frage stellen, warum es nicht Medizin heißt.
Verwandte Begriffe
- Alternativmedizin
- Komplementärmedizin
- Naturheilkunde
- Homöopathie
- Heilpraktiker
- Neue Deutsche Heilkunde
- Germanische Neue Medizin
- Volksgesundheit
- Pharmamafia / Big Pharma
- Lügenpresse
- Querdenker
Literatur
- Jütte, Robert: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. München: C. H. Beck, 1996.
- Jütte, Robert: Samuel Hahnemann. Begründer der Homöopathie. München: dtv, 2005.
- Bothe, Detlef: Neue Deutsche Heilkunde 1933–1945. Dargestellt anhand der Zeitschrift „Hippokrates“ und der Entwicklung der volksheilkundlichen Laienbewegung. Husum: Matthiesen, 1991.
- Heyll, Uwe: Wasser, Fasten, Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. Frankfurt a. M./New York: Campus, 2006.
- Bröer, Ralf / Jütte, Robert / Roelcke, Volker (Hg.): Medizingeschichte. Aspekte einer interdisziplinären Forschung. Göttingen: Wallstein, 2024.
- Ernst, Edzard: Heilung oder Humbug? 150 alternativmedizinische Verfahren von Akupunktur bis Yoga. Berlin/Heidelberg: Springer, 2020.
- Grams, Natalie: Was wirklich wirkt. Kompass durch die Welt der sanften Medizin. München: Riva, 2020.
- Hümmler, Holm Gero: Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten richtig umgehen. Berlin/Heidelberg: Springer, 2019.
- Nachtwey, Oliver / Schäfer, Robert / Frei, Nadine: Politische Soziologie der Corona-Proteste. Universität Basel, 2020 (Online-Studie).
- Lange, Andreas: Die Neue Deutsche Heilkunde. Medizin und Politik im „Dritten Reich“, in: Medizinhistorisches Journal 38 (2003), S. 257–286.
- Schwarz, Anke: Pseudomedizin. Wie Quacksalberei die Patientenversorgung gefährdet. Berlin: Springer, 2022.