Belastete Worte

Volkszorn

Der Volkszorn bezeichnet eine angeblich kollektive, spontane Empörung „des Volkes“ gegen einen identifizierten Schuldigen – sei es eine Regierung, eine Elite, eine Minderheit. Der Begriff suggeriert ein einheitliches politisches Subjekt, das aus eigenem Antrieb in Wut gerät und handelt. Genau diese Suggestion ist sein politischer Zweck: Volkszorn verleiht Gewalt und Hetze die Aura legitimer Empörung, indem er sie dem Volk selbst zuschreibt – und nicht denen, die sie organisieren.

Das Wort ist deshalb selten beschreibend gemeint. Wer es benutzt, ruft entweder zum Pogrom auf, droht damit oder versucht im Nachhinein, organisierte Gewalt als Naturereignis erscheinen zu lassen.

Etymologie

Volkszorn ist eine Komposition aus Volk und Zorn. Das Wort taucht im 19. Jahrhundert vereinzelt auf und gewinnt seine politische Bedeutung im Kontext des aufkommenden Nationalismus, der dem Kollektivsubjekt „Volk“ zunehmend handelnde, fühlende, zürnende Eigenschaften zuschrieb. Im religiösen Sprachgebrauch geht ihm der Zorn Gottes voraus – auch hier eine kollektive Empörung höherer Instanz, gegen die der Einzelne nichts ausrichten kann.

Die semantische Verwandtschaft mit dem russischen Pogrom ist aufschlussreich. Pogrom wird Ende des 19. Jahrhunderts, besonders nach den von der zaristischen Regierung gegen Juden organisierten Ausschreitungen um 1905, aus dem russischen pogróm übernommen, eigentlich „Donnerwetter, Ungewitter, Verheerung, Verwüstung, Zertrümmerung“. Der Volkszorn ist sprachlich das deutsche Pendant zum „Donnerwetter“ – eine meteorologische Metapher für etwas, das sich angeblich über die Köpfe der Akteure entlädt. Sturm, Hagel, Blitz: Niemand ist verantwortlich, niemand hat es geplant, das Volk grollt eben. DWDS

NS-Verwendung

Der Volkszorn ist eines der zentralen Schlüsselwörter nationalsozialistischer Pogrompropaganda. Seine Karriere kulminiert in der Inszenierung der Novemberpogrome 1938.

Joseph Goebbels notiert am 9. November 1938 in seinem Tagebuch, was Hitler ihm gesagt habe: „Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu verspüren bekommen.“ Goebbels selbst hatte den Begriff bereits zuvor verwendet. Eine Untersuchung des Instituts für Zeitgeschichte zitiert ihn mit der Hoffnung, man könnte den „Volkszorn einmal loslassen“ – ein unmissverständliches Eingeständnis, dass der „Volkszorn“ als gelenkte, gewalttätige Empörung von NS-Anhängern bislang nicht eingesetzt worden war, dass er jedoch hoffte, Pogrome größeren Ausmaßes initiieren zu können. 1000 SchlüsseldokumenteIfz-muenchen

Die Pogromnacht selbst wurde dann nach genau diesem Skript inszeniert. Die Schlägertruppen traten flächendeckend meist in Räuberzivil auf, um „spontanen Volkszorn“ zu inszenieren, auch Nachbarn schlossen sich als Täter an. Sie demolierten in den Novemberpogromen Schaufenster jüdischer Geschäfte, zündeten Synagogen an, verprügelten Unschuldige, verwüsteten Wohnungen von Juden. Es war nicht – wie die Nationalsozialisten behaupteten – der spontane Volkszorn, der sich gegen das jüdische Volk entlud, sondern ein gezielter Pogrom der Partei. WikipediaHelles Köpfchen

Die rhetorische Funktion ist exemplarisch: Volkszorn dient hier nicht der Beschreibung, sondern der Tatlegitimation und der gleichzeitigen Tatleugnung. Die Partei organisiert die Gewalt, behauptet aber, sie nicht organisiert zu haben – das Volk habe sich erhoben. Dass dieselben Goebbels-Tagebücher, in denen die Inszenierung dokumentiert ist, auch die Propagandaversion enthalten, hat einen banalen Grund: Es ist ein Charakteristikum des Goebbels-Tagebuchs, dass die Beschreibung des tatsächlichen Geschehens (Hitlers Anweisung) unvermittelt neben der von der Propaganda verbreiteten Version („Volkszorn“) steht. Ursache hierfür ist, dass Goebbels seine Tagebücher später überarbeiten und veröffentlichen wollte und er zum Zeitpunkt der Tagebuchniederschrift nicht wissen konnte, welche Version Jahre oder Jahrzehnte später verbreitet werden sollte. 1000 Schlüsseldokumente

Der Begriff funktionierte komplementär zur Schutzhaft: Hatte der „Volkszorn“ sich entladen, erschien die anschließende Verhaftung der Opfer (nicht der Täter) als Akt staatlicher Fürsorge, der die jüdische Bevölkerung vor weiterem Volkszorn zu „schützen“ habe. Eine geschlossene Logik – wenn man sie nicht hinterfragt.

Rezeption

Die Forschung hat den propagandistischen Charakter des Begriffs früh herausgearbeitet. Volkszorn gilt als Musterfall jener NS-Sprachstrategie, die organisierte Gewalt als Naturereignis tarnt und damit die Verantwortlichen aus dem Bild entfernt. Anders als „Sonderbehandlung“ ist der Begriff kein Tarnwort im engeren Sinne; er verschleiert nicht, was geschieht, sondern verfälscht, wer es tut.

Bemerkenswert ist die ungebrochene Karriere des Wortes nach 1945. Die Namenswahl der wichtigen Neonazi-Band Volkszorn aus den 1990er und frühen 2000er Jahren ist nicht zufällig. Im Diskurs der Neuen Rechten kehrt der Begriff regelmäßig wieder, häufig als Drohung verkleidet: Man rufe den Volkszorn nicht etwa herbei, man warne die „etablierten Parteien“ lediglich vor seinem Ausbruch. Diese rhetorische Figur – die Drohung im Konjunktiv, die Vorhersage als Aufforderung – gehört zum Standardrepertoire rechtspopulistischer Eskalationsrhetorik. taz Blogs

Wer „Volkszorn“ in den politischen Diskurs einführt, relativiert und legitimiert das, was dieser „Volkszorn“ anrichtet. Damit besteht „Volkszorn“ auch stets als Drohung eines Vergeltungsrechtes, das jenseits rechtsstaatlicher Ordnung existieren darf. taz Blogs

Im Vokabular der AfD und ihres Umfelds ist das Wort geläufig, ebenso in Telegram-Kanälen der sogenannten Querdenker-Szene und in der Berichterstattung der Jungen Freiheit. Es kommt selten allein: Begleitet wird es regelmäßig von Formeln wie Das Volk wacht auf, Der Souverän kehrt zurück oder Wir sind das Volk – Versatzstücke einer Erzählung, die das Volk als handelndes Subjekt setzt und seine Wortführer zu bloßen Sprachrohren erklärt.

Es ist genau diese Schlichtheit, die den Begriff so brauchbar macht. Volkszorn erspart die Mühe der Begründung. Er behauptet, was zu beweisen wäre, und macht aus jeder organisierten Gewalt eine Naturkatastrophe, gegen die man nichts tun kann – außer ihr nachzugeben.

Verwandte Begriffe

  • Pogrom
  • Schutzhaft
  • Volk / Volkswille / Volkssouveränität
  • Spontane Aktion
  • Reichskristallnacht / Novemberpogrome
  • Wir sind das Volk
  • Souverän
  • Stimmungsmache
  • Volksgemeinschaft
  • Lügenpresse

Literatur

  • Klemperer, Victor: LTI – Notizbuch eines Philologen. Berlin: Aufbau, 1947 (zahlreiche Neuauflagen).
  • Schmitz-Berning, Cornelia: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin/New York: de Gruyter, 1998 (2., durchges. Aufl. 2007).
  • Hermann, Angela: Hitler und sein Stoßtrupp in der „Reichskristallnacht“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 56 (2008), H. 4, S. 603–619.
  • Longerich, Peter: Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung. München/Zürich: Piper, 1998.
  • Steinweis, Alan E.: Kristallnacht 1938. Ein deutscher Pogrom. Stuttgart: Reclam, 2011.
  • Bergmann, Werner: Tumulte – Excesse – Pogrome. Kollektive Gewalt gegen Juden in Europa 1789–1900. Göttingen: Wallstein, 2020.
  • Müller, Jan-Werner: Was ist Populismus? Ein Essay. Berlin: Suhrkamp, 2016.
  • Wodak, Ruth: Politik mit der Angst. Zur Wirkung rechtspopulistischer Diskurse. Wien/Hamburg: Edition Konturen, 2016.
  • Kemper, Andreas: Sprache und Gewalt. Wie der Rechtspopulismus den Diskurs vergiftet. Münster: Unrast, 2019.
  • Kleffner, Heike / Meisner, Matthias (Hg.): Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde. Freiburg: Herder, 2021.