Notizen

Robert Seethaler, Der letzte Satz

Robert Seethaler schickt Gustav Mahler aufs Schiff. Der Komponist ist krank, die Reise wird seine letzte sein, und es ist genau so wenig los, wie man es bei Seethaler erwartet. Wer einmal Ein ganzes Leben gelesen hat, kennt das Verfahren: ein bedeutender Mensch in einer unbedeutenden Landschaft, dazwischen liegt das Leben. Funktioniert wieder.

Was Seethaler kann, kann sonst kaum jemand. Die Sätze sind knapp bis an die Grenze des Spröden, manchmal darüber hinaus. Keine Beschreibungen, die wuchern, keine Innenschauen, die sich selbst feiern. Mahler erinnert sich, das Schiff schwankt, das Meer ist da. Seethaler vertraut darauf, dass das reicht — und meistens reicht es auch.

Besonders gelungen ist, wie der Roman mit der Erinnerung umgeht. Sie kommt fragmentarisch, ungeordnet, manchmal widersprüchlich, so wie Erinnerung eben tatsächlich kommt, wenn man nicht gerade an seiner Autobiografie arbeitet. Es entsteht kein Lebensbild, sondern ein offener Raum, und genau das ist ehrlicher als jede geschlossene Ausdeutung.

Mahler selbst wird nicht überhöht. Er zweifelt, leidet, ist klein. Es gibt keine Genie-Pose, keine pathetische Verklärung des großen Künstlers, der dem Tod ins Auge blickt und dabei Achtelnoten denkt. Das ist eine Entscheidung, die Respekt verdient — die Versuchung muss gewaltig gewesen sein.

Und doch: An manchen Stellen kippt die Reduktion ins Manierierte. Wenn alles nur angedeutet wird, wenn jede Szene mit demselben sparsamen Pinsel gemalt ist, beginnt der Stil, sich selbst zu zitieren. Man liest Seethaler-Sätze und denkt: Ja, das sind Seethaler-Sätze. Das ist keine kleine Kritik. Ein Verfahren, das so unverwechselbar ist, läuft Gefahr, zur Marke zu werden, und die Grenze zwischen Reduktion und Routine ist schmaler, als die Lobeshymnen es wahrhaben wollen.

Auf Mahlers Musik verzichtet der Roman fast vollständig. An einer Stelle lässt Seethaler seinen Mahler sinngemäß sagen, Musik, die sich mit Worten beschreiben lasse, sei einfach nicht gut — eleganter kann man sich kaum selbst die Erlaubnis erteilen, das Thema zu umgehen. Man könnte das für einen Trick halten, aber es ist auch einfach wahr. Nichts ist peinlicher als Schriftsteller, die mit Adagio-Vokabular um sich werfen. Die Musik ist trotzdem da, irgendwo zwischen den Zeilen, als Spur, als Erinnerung an ein Leben, das aus Klang bestand. Das funktioniert.

Was bleibt: ein schmales Buch, das man in zwei Stunden liest und über das man drei Tage nachdenkt. Seethaler will nicht überwältigen, er will begleiten, und er tut es mit einer Disziplin, die in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur selten geworden ist. Dass er dabei manchmal an die eigene Manier streift, ist der Preis dieser Disziplin. Man zahlt ihn gern.

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